Der Menstruationszyklus: Ein unterschätzter Gesundheitsindikator

Der Menstruationszyklus: Ein unterschätzter Gesundheitsindikator

Der Menstruationszyklus ist weit mehr als ein Zeichen von Fruchtbarkeit.
Er ist ein zentraler Vitalparameter, der viel über die körperliche, hormonelle und seelische Gesundheit aussagen kann – ähnlich wie Blutdruck oder Puls.

Trotzdem wird er häufig bagatellisiert oder auf „Frauenthemen“ reduziert. Dabei sind unregelmässige Zyklen weder peinlich noch selten. Sie sind ein Signal des Körpers. Und Signale verdienen Aufmerksamkeit, nicht Schweigen.


Ein fein abgestimmtes System

Der Zyklus entsteht aus einem sensiblen Zusammenspiel zwischen:

  • Gehirn (Hypothalamus und Hypophyse)
  • Hormondrüsen
  • Eierstöcken

Dieses sogenannte hypothalamisch-hypophysär-ovarielle System reagiert empfindlich auf innere und äussere Einflüsse. Gerät es aus dem Gleichgewicht, zeigt sich das oft zuerst im Zyklus.

Mögliche Ursachen für Zyklusunregelmässigkeiten sind unter anderem:

  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS)
  • Endometriose
  • chronischer Stress
  • Essstörungen oder starkes Energiedefizit

Diese Erkrankungen betreffen nicht nur die Blutung. Sie wirken sich häufig auch auf:

  • Stimmung
  • Konzentration
  • Energielevel
  • Schlaf
  • allgemeines Wohlbefinden

aus.


Was Hormonschwankungen im Gehirn bewirken

Neurowissenschaftliche Studien zeigen:
Hormonelle Schwankungen im Laufe des Zyklus beeinflussen das Gehirn messbar.

Beobachtet wurden unter anderem Veränderungen in:

  • neuronaler Aktivität
  • Vernetzung bestimmter Hirnareale
  • Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und GABA

Diese zyklischen Veränderungen sind normal.
Fehlen sie – etwa bei sehr unregelmässigen Zyklen oder ausbleibender Ovulation – kann sich das auch im Alltag bemerkbar machen.

Viele Frauen berichten dann über:

  • Stimmungsschwankungen
  • Kopfschmerzen oder Migräne
  • verstärkte Angstsymptome
  • depressive Verstimmungen
  • veränderte Wahrnehmung bestehender Erkrankungen wie Epilepsie

Der Zyklus ist also nicht nur ein hormonelles, sondern auch ein neurologisches Geschehen.


Zyklusveränderungen nach Belastungen – ein Warnsignal

Nach starken körperlichen oder psychischen Belastungen kann sich der Zyklus deutlich verändern. Auch nach einer Gehirnerschütterung wurden in Studien Zyklusverschiebungen oder das Ausbleiben der Periode beobachtet.

Das weist darauf hin, dass das hormonelle Regulationssystem längerfristig gestört sein kann – selbst wenn andere Symptome bereits abgeklungen sind.

Der Zyklus reagiert oft früher und sensibler als andere Körpersysteme.


Hormonelle Verhütung: Stabilität mit Nebenwirkungen

Hormonelle Verhütungsmittel können den Zyklus äusserlich stabilisieren.
Gleichzeitig können sie aber auch zugrunde liegende hormonelle Störungen überdecken, zum Beispiel bei PCOS oder funktioneller Hypothalamus-Amenorrhoe.

Das kann dazu führen, dass:

  • Symptome zwar gedämpft werden
  • die eigentliche Ursache aber unerkannt bleibt
  • sich Diagnosen verzögern

Hinzu kommt ein strukturelles Problem der Forschung:
Frauen mit unregelmässigen Zyklen werden in vielen Studien systematisch ausgeschlossen. Dabei könnten gerade ihre Erfahrungen helfen, die Zusammenhänge zwischen Hormonen, Gehirn und Psyche besser zu verstehen.


Warum unregelmässige Zyklen ernst genommen werden sollten

Unregelmässige Zyklen sind kein Nebenschauplatz.
Sie liefern wertvolle Hinweise auf den Gesamtzustand des Körpers.

Ein Gespräch mit einer Fachperson ist sinnvoll, wenn zum Beispiel:

  • Blutungen sehr unregelmässig oder sehr stark sind
  • die Periode über Monate ausbleibt
  • starke Schmerzen auftreten
  • ausgeprägte Stimmungsschwankungen bestehen
  • sich der Zyklus deutlich verändert

Idealerweise erfolgt die Abklärung bei einer Fachperson mit Erfahrung in gynäkologischer Endokrinologie.

Der Menstruationszyklus verdient denselben Stellenwert wie andere Vitalparameter:
als Frühwarnsystem für körperliche, neurologische und seelische Gesundheit.

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Wissenschaftliche Quellen

Hampson E.
Variations in sex-related cognitive abilities across the menstrual cycle.
Brain and Cognition, 1990.
→ Frühe Arbeit zu hormonellen Einflüssen auf Gehirnfunktionen.

Pletzer B et al.
Menstrual cycle and hormonal contraceptives alter brain structure.
Brain Research, 2010.
→ Zeigt strukturelle Veränderungen im Gehirn im Zusammenhang mit Zyklus und Hormonen.

Schmalenberger KM et al.
How to study the menstrual cycle: Practical tools and recommendations.
Hormones and Behavior, 2021.
→ Aktuelle Übersicht zur Bedeutung des Zyklus in Forschung und Klinik.

Berga SL, Loucks TL.
Functional hypothalamic amenorrhea.
Endocrine Reviews, 2006.
→ Zentrale Arbeit zu Stress, Energieverfügbarkeit und Zyklusstörungen.

Bixo M et al.
Hormones and the brain.
Best Practice & Research Clinical Obstetrics & Gynaecology, 2018.
→ Überblick über hormonelle Einflüsse auf Gehirn und Psyche.

Edelman A et al.
Combined oral contraceptives and body systems.
The Lancet, 2015.
→ Einordnung hormoneller Verhütung und systemischer Effekte.

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