
„Regelschmerzen sind nicht normal" – Zyklus Coach Anne Lippold über den Körper, den wir nie richtig kennengelernt haben
Es gibt Momente, die alles verändern.
Für Anne Lippold war es keine große Offenbarung, kein Arztbesuch, der plötzlich alles erklärte. Es war eine schleichende Erkenntnis – nach Jahren der Schmerzen, der Schmerzmittel, des Durchhaltens. Die Erkenntnis, dass die Krämpfe, die Stimmungstiefs, die Tage, an denen sie einfach nicht konnte, kein biologisches Schicksal waren.
Kein „ist halt so". Kein „gehört dazu".
Sondern ein Signal. Eines, das gehört werden wollte.

Heute ist Anne Zyklusexpertin, Autorin und Coach – und Teil des hermaid-Expertenteams. Sie hat über 6.000 Frauen dabei begleitet, ihren Weg zu einem sorgenfreien und schmerzfreien Zyklus zu finden. Sie berät Unternehmen. Sie hat einen Begriff geprägt, den viele noch nie gehört hatten: Zyklusgesundheit.
Wir haben uns mit Anne zusammengesetzt – und gefragt, was sie in all diesen Jahren über Schmerz, Selbstkenntnis und das Schweigen rund um den weiblichen Zyklus gelernt hat.
Wie wird man eigentlich Deutschlands führende Expertin für Regelschmerzen? Das klingt nach einer persönlichen Geschichte.
Das ist es auch. Ich habe jahrelang selbst gelitten – starke Regelschmerzen, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen. Jeden Monat dasselbe. Und jeden Monat dieselbe Reaktion in meinem Umfeld: Das ist normal. Das gehört dazu. Stell dich nicht so an.
Also habe ich Schmerzmittel genommen und weitergemacht. So wie fast alle Frauen, die ich kannte.
Der Wendepunkt war nicht dramatisch. Es war eher ein: Moment mal. Wenn das so normal ist, warum fühlt es sich dann so falsch an? Ich fing an zu recherchieren, zu experimentieren, meinen Körper wirklich zu beobachten. Und ich merkte: Es gibt einen Weg raus. Ich musste ihn mir selbst erarbeiten – weil mir damals niemand helfen konnte. Daraus wurde meine Methode. Und daraus wurde mein Beruf.
Heute sage ich meinen Klientinnen als Erstes: Du musst das nicht aushalten. Und das ist keine leere Ermutigung. Das ist Biologie.
Du sagst: Regelschmerzen sind nicht normal. Für viele Frauen klingt das fast provokant. Warum ist diese Botschaft so wichtig?
Weil sie für die meisten Frauen neu ist. Nicht weil sie es nicht glauben wollen – sondern weil ihnen jahrelang das Gegenteil gesagt wurde. Von Ärztinnen, von Müttern, von der Gesellschaft.
Aber ein gesunder biologischer Prozess macht keine Schmerzen. Das gilt für die Verdauung, das gilt für das Herz – und das gilt auch für den Menstruationszyklus. Schmerzen sind immer ein Signal. Sie bedeuten: Hier läuft etwas aus dem Gleichgewicht.
Fast 80 % aller Frauen haben jeden Monat Zyklussymptome. Das ist keine Statistik über Normalität – das ist eine Statistik über ein kollektives Problem, das wir kollektiv ignorieren.
Und das Schlimmste daran: Viele Frauen schämen sich sogar dafür. Sie funktionieren weiter, sagen nichts, nehmen Schmerztabletten heimlich auf der Arbeitstollette. Das ist kein Umgang mit dem eigenen Körper. Das ist Überleben.
Was passiert hormonell in diesen schwierigen Phasen – und warum wissen so wenige Frauen darüber Bescheid?
Der weibliche Zyklus ist kein isoliertes Ereignis einmal im Monat. Er ist ein komplexes hormonelles System, das den gesamten Körper beeinflusst – Energie, Schlaf, Stimmung, Konzentration, Schmerzempfinden, Libido. Er verändert buchstäblich, wer wir an verschiedenen Tagen sind.
Und in der Perimenopause – der Übergangsphase vor der letzten Menstruation – werden diese Schwankungen intensiver.¹ Die Eierstöcke produzieren weniger Östrogen und Progesteron. Die Spiegel schwanken unregelmäßiger als zuvor. Der Zyklus kann kürzer oder länger werden, die Blutung stärker oder schwächer. Manchen Frauen macht das wenig aus. Andere erleben diese Phase als massiven Einschnitt – beruflich wie privat.²
Warum wissen so wenige Frauen das? Weil Zyklusgesundheit kein Schulfach ist. Weil viele Frauenärztinnen fünf Minuten Zeit haben. Weil das Thema jahrzehntelang als zu privat, zu intim, zu peinlich galt, um offen darüber zu reden.
Das Ergebnis: Frauen kennen ihren eigenen Körper nicht. Und was man nicht kennt, kann man nicht verstehen. Was man nicht versteht, kann man nicht verändern.
Du hast eine eigene 3-Stufen-Methode entwickelt. Was steckt dahinter?
Meine Methode ist entstanden aus dem, was mir selbst geholfen hat – und was ich in der Arbeit mit über 6.000 Frauen immer wieder bestätigt gefunden habe.
Sie besteht aus drei Stufen, die der Dringlichkeit der Bedürfnisse folgen.
Zuerst: Lindern. Wenn du gerade mitten in den Schmerzen steckst, brauchst du als Erstes Erste Hilfe. Konkrete Maßnahmen, die akute Beschwerden reduzieren – heute, nicht in drei Monaten.
Dann: Beheben. Das bedeutet: die Ursachen verstehen und angehen. Warum reagiert dein Körper so? Was bringt das Hormonsystem aus dem Gleichgewicht? Ernährung, Stressmanagement, Schlaf, Bewegung – das sind keine Lifestyle-Tipps, das sind echte Stellschrauben.
Und schließlich: Routinen etablieren. Langfristige Zyklusgesundheit entsteht nicht durch einmalige Maßnahmen. Sie entsteht durch Gewohnheiten, die sich in den Alltag einfügen – so selbstverständlich, dass der sorgenfreie Zyklus zur neuen Normalität wird.
Was ich dabei betone: Diese Stellschrauben sind sehr individuell. Was für eine Frau funktioniert, muss bei der anderen nicht helfen. Das ist kein Versagen – das ist Biologie. Deshalb ist ein wissensbasierter, individueller Ansatz so wichtig. Nicht nachmachen, was die Freundin tut. Sondern verstehen, was der eigene Körper braucht.
Zyklustracking ist ein Werkzeug, das du immer wieder nennst. Was bringt das – und wie fängt man damit an?
Zyklustracking bedeutet: den eigenen Zyklus bewusst beobachten und aufzeichnen. Wann beginnt die Blutung? Wie lange dauert sie? Wann ist die Energie hoch, wann tief? Wann kommen Stimmungstiefs, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme?
Das klingt nach Selbstoptimierung. Aber darum geht es mir nicht. Es geht um Selbstkenntnis.
Wer weiß, in welcher Phase sie sich befindet, kann Energiehochs gezielt nutzen. Wer Muster erkennt, kann früh gegensteuern. Wer dokumentiert hat, was im Körper passiert, führt einen gezielteren Arzttermin – und wird seltener abgetan.
Der einfachste Einstieg: Ein Notizbuch. Oder eine App. Jeden Tag eine kurze Notiz: Wie ist meine Energie? Habe ich Schmerzen? Wie schlafe ich? Nach zwei bis drei Zyklen zeigen sich Muster, die vorher unsichtbar waren.
Es ist keine große Veränderung. Aber es ist der Beginn einer anderen Beziehung zum eigenen Körper.
Was sagst du Frauen, die kommen und sagen: Ich habe wirklich schon alles versucht. Ich glaube nicht mehr, dass es besser wird.
Das höre ich oft. Und ich nehme es ernst.
Es ist erschöpfend. Von Ärztin zu Ärztin gehen. Verschiedene Hormone ausprobieren. Ernährung umstellen. Nahrungsergänzungsmittel kaufen. Und trotzdem jeden Monat wieder dieselbe Geschichte.
Was ich diesen Frauen sage: Ich glaube euch. Euer Körper funktioniert – er sendet Signale. Wir haben nur nie gelernt, sie zu lesen.
Das ist keine Entschuldigung und keine leere Hoffnung. Das ist meine Erfahrung aus sechs Jahren Arbeit. Oft liegt es nicht daran, dass die falsche Sache versucht wurde. Sondern daran, dass sie nicht individuell genug angepasst wurde. Oder dass eine Stellschraube gefehlt hat, die niemand im Blick hatte.
Deshalb ist mein Ansatz kein Versprechen. Es ist ein Prozess. Einer, der Zeit braucht, Geduld und die Bereitschaft, den eigenen Körper neu kennenzulernen. Aber er funktioniert. Das sehen meine Klientinnen. Und das habe ich selbst erlebt.
Du arbeitest auch mit Unternehmen. Das überrascht manche. Warum ist Zyklusgesundheit ein Unternehmensthema?
Weil die Realität ist: Fast 80 % aller Frauen haben monatlich Zyklussymptome. Ein erheblicher Teil davon arbeitet. Und leidet still.
Absentismus – also tatsächliche Fehlzeiten. Präsentismus – physisch da sein, aber kognitiv nicht leistungsfähig. Reduzierte Konzentration, Energietiefs, der monatliche Einbruch, den niemand anspricht. Die wirtschaftlichen Kosten sind real. Sie sind nur selten sichtbar gemacht.
Was Unternehmen konkret tun können: eine klare Period Policy einführen – also offene Regelungen zum Umgang mit Menstruationsbeschwerden am Arbeitsplatz. Eine Kommunikationskultur schaffen, in der Zyklusgesundheit kein Tabuthema ist. Und Arbeitsstrukturen entwickeln, die den natürlichen Energieschwankungen Rechnung tragen.
Das klingt abstrakt – aber in der Praxis bedeutet es oft: Flexibilität. Home-Office-Optionen. Die Möglichkeit, an besonders schweren Tagen anders zu arbeiten. Das sind keine großen Investitionen. Und der Rückfluss – in Bindung, Motivation, Leistungsfähigkeit – ist messbar.
In Zeiten von Fachkräftemangel ist das kein Nice-to-have. Es ist ein Wettbewerbsvorteil.
Was hat sich durch deine Arbeit als Zykluscoach verändert
Ich erreiche jetzt Frauen, die ich vorher nicht erreicht hätte. Frauen, die vielleicht nie aktiv nach einem Zyklus-Coach gesucht hätten – aber in der hermaid-App nach Unterstützung suchen und dabei auch auf das Thema Zyklusgesundheit stoßen.
Das ist genau das, was ich mir wünsche: dass das Wissen über den eigenen Zyklus kein Nischenthema bleibt. Dass es selbstverständlich wird – wie Ernährungswissen, wie Schlafhygiene.
Hermaid teilt diese Vision. Die Plattform versteht, dass Frauengesundheit mehr ist als Reproduktionsmedizin. Dass der Zyklus, die Perimenopause, die Wechseljahre – all das Themen sind, die Frauen ein Leben lang begleiten. Und die eine gute Begleitung verdienen.
Was wünschst du dir für die Frauen, die diesen Artikel gerade lesen?
Dass sie aufhören, ihren Körper als Feind zu betrachten.
Der Zyklus ist kein Hindernis. Er ist Information. Und wer lernt, diese Information zu lesen, gewinnt eine völlig neue Beziehung zu sich selbst – mehr Lebensqualität, mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung.
Ich möchte, dass Frauen wieder gelassener mit ihrer Periode umgehen können. Nicht weil sie die Schmerzen wegdrücken. Sondern weil die Schmerzen gar nicht mehr da sind.
Das ist kein Wunschdenken. Das ist möglich. Ich habe es selbst erlebt – und ich habe es bei über 6.000 Frauen begleitet.
Es gehört nicht dazu.
Über Anne Lippold
Anne Lippold ist Deutschlands führende Zyklusexpertin für Regelschmerzen und PMS und hat den Begriff „Zyklusgesundheit" geprägt. Als Zyklus Coach bei hermaid begleitet sie Frauen auf ihrem Weg zu einem sorgenfreien Zyklus – mit ihrer bewährten 3-Stufen-Methode, die auf fundiertem Wissen, individuellen Routinen und einem ganzheitlichen Verständnis des Körpers basiert. Über 6.000 Frauen hat sie bereits begleitet.
Mehr von Anne findest du unter: zyklus-power.de
Dein Zyklus. Dein Körper. Deine Entscheidung.
Zyklusgesundheit beginnt mit Wissen. Wer versteht, was hormonell in ihrem Körper passiert, kann gezielter handeln – und selbstbestimmter entscheiden.
In der hermaid-App findest du Anne und weitere spezialisierte Expertinnen. Für ein Gespräch auf Augenhöhe, ohne Wartezeit, ohne Erklärungsdruck.
Quellen
¹ Santoro N, Roeca C, Peters BA, Neal-Perry G. (2021). The Menopause Transition: Signs, Symptoms, and Management Options. The Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 106(1), 1–15. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33126268/
² Gatenby C, Simpson P. (2024). Menopause: Physiology, Definitions, and Symptoms. Best Practice & Research. Clinical Endocrinology & Metabolism. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38341322/









