
Betablocker nach dem Herzinfarkt – ein Medikament auf dem Prüfstand
Seit den 1980er Jahren gehören Betablocker nach einem Herzinfarkt zur Standardtherapie. Millionen Menschen nehmen sie täglich – oft jahrelang, oft lebenslang. Die Evidenz dafür stammt aus einer Zeit, als Herzinfarkte noch ohne moderne Reperfusionstherapie behandelt wurden: also bevor Stents, potente Thrombozytenhemmer und Statine zur Routine wurden.
Jetzt wird diese Frage neu gestellt. Und das ist keine Kritik an der Medizin – das ist gute wissenschaftliche Praxis.
Warum die alte Evidenz heute nicht mehr ausreicht
Die Studien, auf denen die Empfehlung für Betablocker beruht, stammen aus den frühen 1980er und 1990er Jahren.¹ Damals war die Herzmedizin eine andere Welt: Herzinfarkte wurden konservativ behandelt, die Herzmuskelschädigung war oft massiv, die Sterblichkeit hoch.
Heute sieht das anders aus. Spezialisierte Herzkatheterlabore öffnen Gefäße innerhalb von Stunden. Die Schädigung des Herzmuskels ist geringer. Moderne Medikamente – Statine, neue Thrombozytenhemmer, ACE-Hemmer – übernehmen Schutzfunktionen, die früher allein den Betablockern zugeschrieben wurden.
Die zentrale Frage lautet also: Hat ein Medikament, das unter alten Bedingungen geholfen hat, heute denselben Nutzen?
Was aktuelle Studien zeigen
Genau das wollten Forscherinnen und Forscher wissen. In der REDUCE-AMI-Studie, 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlicht, wurden über 5.000 Patientinnen und Patienten nach Herzinfarkt mit erhaltener Herzpumpfunktion (also ohne relevanten Herzmuskelschaden) untersucht.² Die Ergebnisse: Wer Betablocker erhielt, hatte keine niedrigere Sterblichkeit und keine weniger Herzinfarkte als die Gruppe ohne Betablocker.
Das ist ein bedeutendes Ergebnis – und es hat die kardiologische Gemeinschaft aufgerüttelt.
Eine weitere große Studie, BETAMI aus Norwegen, kam zu ähnlichen Schlüssen.³ Auch hier kein klarer Überlebensvorteil für Betablocker bei Menschen, deren Herzfunktion nach dem Infarkt gut erhalten geblieben war.
Was das für dich bedeutet
Zunächst das Wichtigste: Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass Betablocker generell nutzlos sind. Bei bestimmten Gruppen – etwa bei Menschen mit einer eingeschränkten Herzpumpfunktion oder bestimmten Herzrhythmusstörungen – können sie nach wie vor sinnvoll oder sogar unverzichtbar sein.
Was sich verändert, ist das Bild für eine große Gruppe: Menschen, die heute nach einem Herzinfarkt gut versorgt werden, eine erhaltene Herzfunktion haben und die modernen Begleittherapien erhalten. Für sie könnte eine lebenslange Betablocker-Einnahme nach aktueller Studienlage nicht mehr zwingend notwendig sein.
Das bedeutet auch: Das Gespräch mit der Kardiologin oder dem Kardiologen wird wichtiger. Nicht pauschal absetzen, nicht pauschal weiternehmen – sondern gemeinsam entscheiden, was für die individuelle Situation passt.
Medizin darf sich verändern – und das ist gut so
Manchmal klingt es beunruhigend, wenn eine jahrzehntelang gültige Empfehlung hinterfragt wird. Aber es ist ein Zeichen von Stärke, wenn die Wissenschaft sich selbst überprüft. Neue Daten, neue Therapiemöglichkeiten, neue Erkenntnisse – sie ermöglichen bessere, individuellere Entscheidungen.
Du nimmst Betablocker und fragst dich, ob das noch stimmt? Lass dich nicht verunsichern, aber lass es auch nicht unbesprochen. Ein offenes Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ist der beste nächste Schritt.
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Quellen
¹ Freemantle N, Cleland J, Young P, Mason J, Harrison J. Beta blockade after myocardial infarction: systematic review and meta regression analysis. BMJ. 1999;318(7200):1730–1737. https://doi.org/10.1136/bmj.318.7200.1730
² Yndigegn T, Lindahl B, Mars K, et al. Beta-Blockers after Myocardial Infarction and Preserved Ejection Fraction. N Engl J Med. 2024;390(15):1372–1381. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2401479
³ Eid HE, Smedsrud M, Øie E, et al. Beta-blocker treatment and cardiac events in ST-elevation myocardial infarction – the BETAMI trial. Eur Heart J. 2023. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad099.2827
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.









