
„Heute muss ich nicht glänzen. Heute reicht auch Glitzern innen."
Als ich Ines Gruschwitz das erste Mal treffe, drückt sie mir eine Seifenblasenpackung in die Hand. Keine Erklärung, kein Vorgeplänkel. Einfach so. „Es gibt so viele schöne Dinge im Leben", sagt sie. „Man darf auch lachen dürfen."
Das sagt viel über diese Frau.
Es gibt Momente, in denen das Leben aufhört, ein Hintergrundrauschen zu sein. Für Ines kam dieser Moment zweimal. Das erste Mal 2019, als sie die Knoten selbst ertastete und kurz darauf die Diagnose bekam: Brustkrebs. Das zweite Mal 2023, als aus Rückenschmerzen eine neue Wahrheit wurde – ein junger Krebs mit Metastasen, an einem anderen Ort.
„Ich kann sie nicht heilen", sagte der Spezialist in der Charité. „Ich vergifte sie jetzt erstmal, und dann schauen wir mal."
Ines ist danach erst einmal mit einem guten Freund essen gegangen.
Zweimal Krebs. Zweimal neu anfangen.
Die erste Diagnose hat Ines, wie sie selbst sagt, „wie einen bösen Traum" erlebt. Operation, Bestrahlung, drei Monate später wieder bei der Arbeit. Sie war wütend auf ihren Körper – warum macht der jetzt Krebs, obwohl sie ihn doch gut behandelt hatte? „Ach, Krebs machst du nie wieder", dachte sie. Und fügte dann lachend hinzu: „Ich hätte sagen müssen: Ich mache gar keinen Krebs mehr."
Beim zweiten Mal war es anders. Palliativ. Todkrank. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – hat Ines etwas gemacht, das sie selbst als ihren Schlüssel beschreibt: Sie hat nicht den Kopf in den Sand gesteckt. Sie hat sich informiert, Fragen gestellt, ihr Netzwerk mobilisiert. Und sie hat ihrem Bauchgefühl vertraut, als ihre Onkologin eine weitere Chemotherapie vorschlug. „Nee", dachte sie. „Ich gehe nochmal zu dem Professor." Sie hatte recht.
Seit einem Jahr ist Ines krebsfrei.
Das Chaos im Krankenhaus – und eine Idee, die daraus entstand
Wer ernsthaft krank ist, kennt das: Befunde in fünf Ordnern, Dokumente, die niemand liest, Ärzte, die fragen „Wissen Sie das nicht?" – und dabei selbst keine Zeit hatten, die Akte aufzuschlagen.
Ines – früher Krankenschwester, später Intrapreneurin bei der Telekom – hat das alles von beiden Seiten erlebt. Den Moment, als sie schneller beim Röntgen ankam als die digitalen Bilder selbst. Die zehn Ärzte, die um ihr Bett standen und über ihren Kopf hinweg diskutierten – bis sie fragte: „Kann ich mal mitdiskutieren? Oder soll ich kurz rausgehen, damit ihr euch einigt?"
Aus diesen Erfahrungen entstand Epa4Y – eine Plattform, die medizinische Unterlagen sortiert und zusammenfasst: in medizinischer Sprache für die Ärztin, in verständlicher Sprache für die Patientin. „Damit ich auch weiß, was passiert", sagt Ines. „Damit ich meiner Ärztin was fragen kann."
Patient Empowerment – das ist ihr Antrieb. Selbstbestimmt krank sein. Weil selbstbestimmtes Leben nicht an der Schwelle einer Diagnose aufhört.¹
„Ich will selbstbestimmt leben. Dann muss ich auch selbstbestimmt krank sein. Das macht die Sache wirklich viel, viel leichter."
Studien belegen, was Ines intuitiv wusste: Patient:innen, die aktiven Zugang zu ihren eigenen Gesundheitsdaten haben und medizinische Entscheidungen mitgestalten können, fühlen sich handlungsfähiger und zeigen bessere Behandlungsverläufe.² Das nennen Forscher:innen „shared decision-making" – und es gilt als einer der wichtigsten Faktoren für Therapietreue und Lebensqualität.

Waltraut, die Schlange. Und Arabiata, die strenge Oberschwester.
Irgendwo zwischen allem hat Ines ihren zweiten Krebs benannt. Er heißt Waltraut. „Die Schlange Waltraut", erklärt sie, „weil es sich immer so vibrierend angefühlt hat." Jeden Morgen hat sie Waltraut ein Liedchen gesungen – frei nach dem Motto: Wenn ich sterbe, stirbst du auch.
Was klingt wie Galgenhumor, ist tatsächlich therapeutisch fundiert. Die psychologische Forschung zeigt: Humor im Umgang mit lebensbedrohlichen Erkrankungen – das sogenannte „coping through humor" – ist keine Verdrängung, sondern eine aktive Bewältigungsstrategie, die nachweislich Resilienz stärkt und das Immunsystem positiv beeinflusst.³ Lächeln löst innerhalb von 30 Sekunden Dopaminausschüttung aus. Das weiß Ines. Und genau das gibt sie weiter.
Deshalb gibt es jetzt auch Famos – ein Verein, ein Projekt, eine Handvoll Puppen. Videos und Humor für Menschen, die gerade durch die Mühle des Medizinsystems drehen. Der Hase ist der Kranke – ein bisschen Mimosenhase. Ruth Ratkowski, seine beste Freundin, ist eine Löwenzahnfrau: raff und taff, aber ganz lieb. Und Arabiata, die strenge Oberschwester, schaut so, als hätte sie schon alles gesehen.
„Wie kann ich transportieren, dass es lustig ist – dass man lächelt? Das ist sicherlich die beste Turnübung in so einer Situation."
Hier geht's zur Webseite von famos: https://famos1punkt0.de/
Du kannst dieses tolle Projekt auch hier unterstützen: https://www.gofundme.com/f/famos1punkt0-bewegenbewegt-ein-herzenswunsch
Der Körper. Der Spiegel. Burlesque.
Als die Wechseljahre kamen, konnte Ines wegen ihres hormonabhängigen Brustkrebses keine klassische Hormontherapie bekommen. Keine HRT, die viele Frauen in dieser Zeit als Erleichterung erleben. Stattdessen: Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, ein Körper, der sich fremd anfühlte. Und gleichzeitig endete eine Beziehung.
„Ganz furchtbar", erinnert sie sich. „Jetzt bist du alt in der Menopause und der Typ ist auch noch weg."
Also hat Ines gegoogelt. Und gefunden: Schönheitstanz. Und ein Format namens „Love Yourself is Burlesque."
Sie ist hingegangen. In der Turnhose. Am Anfang ganz piano, wie sie sagt. Und dann hat eine große Neuseeländerin mit so viel Lebensfreude den Raum gefüllt, dass Ines etwas gelernt hat, was sie heute so formuliert:
„Ich habe mit 56 gelernt, dass mein Körper das Beste ist, was ich anfassen kann. Und dass er schön ist, so wie er ist."
Ende Januar ist sie zum letzten Mal aufgetreten – mit einer großen Narbe auf dem Bauch. Kurz hat sie überlegt: Vielleicht schminke ich die. Dann hat sie gedacht: Ich finde das gut so.
Körperpositives Erleben durch Bewegung und kreative Ausdrucksformen ist kein Wellnesstrend. Es ist belegt: Tanz- und Körpertherapien verbessern nachweislich das Körperbild und die Lebensqualität von Menschen nach Krebserkrankungen.⁴ Was Ines auf der Bühne gemacht hat, war Heilung – auch wenn sie es vielleicht nicht so genannt hätte.
Was bleibt
Seifenblasen platzen schnell. Momente auch. Aber für einen kurzen Augenblick glitzern sie.
Ines sagt, das Schönste hinter einer solchen Diagnose sei, dass Zeit eine andere Wertigkeit bekommt. Dass der Tag trotzdem – oder gerade deshalb – bunter blüht. Dass sie jetzt, solange sie kann, Dinge macht, die Sinn machen und Spaß machen.
Ihr Tipp für alle, die gerade mittendrin sind: Netzwerk aufbauen. Fragen stellen. Dem eigenen Bauchgefühl trauen. Und sich erlauben, das Schwere mit Humor zu tragen – nicht weil es nicht ernst ist, sondern weil Lächeln Dopamin spendet.
Und das Schönste: Seit einem Jahr ist Ines Gruschwitz krebsfrei. Sie tanzt. Sie baut. Sie singt Waltraut jeden Morgen ein Lied.
„Heute muss ich nicht glänzen. Heute reicht auch Glitzern innen."
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Quellen
Quellen
¹ EPA4Y – Plattform für digitale Patientenakten: https://www.epa4u.de
² Légaré, F. & Witteman, H.O. (2013). Shared decision making: examining key elements and barriers to adoption into routine clinical practice. Health Affairs, 32(2), 276–284. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23381520/
³ Martin, R.A. (2001). Humor, laughter, and physical health: Methodological issues and research findings. Psychological Bulletin, 127(4), 504–519. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11439709/
⁴ Bradt, J. et al. (2015). Dance/movement therapy for improving psychological and physical outcomes in cancer patients. Cochrane Database of Systematic Reviews. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD007103.pub3/full









