Wechseljahre weltweit: Was Kultur mit Hormonen macht

Wechseljahre weltweit: Was Kultur mit Hormonen macht

Stell dir vor, es gibt in deiner Sprache kein Wort für Hitzewallungen. Nicht weil das Phänomen versteckt wird – sondern weil es schlicht nicht so präsent ist.

In Japan ist das Realität. Der Begriff konenki – das japanische Wort für Wechseljahre – bedeutet wörtlich so viel wie Erneuerung, Energie, Übergang. Keine Beschwerde. Kein Defizit. Eine Lebensphase.¹

Und das ist kein Zufall.


Dieselben Hormone – sehr unterschiedliche Erfahrungen

Die Biologie der Wechseljahre ist universell. Östrogen sinkt, Progesteron sinkt, der Körper verändert sich – bei Frauen auf der ganzen Welt, unabhängig von Herkunft oder Kultur.

Und trotzdem: Wie diese Veränderung erlebt, bewertet und beschrieben wird, ist erstaunlich verschieden.

Eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Pilotstudie der Charité Berlin befragte über 940 in Deutschland lebende Frauen – aus Deutschland, der Türkei sowie aus China, Japan und Korea. Das Ergebnis: Abhängig von biologischen und sozialen Faktoren werden die Symptome sehr unterschiedlich empfunden und kommuniziert. Selbst das Spektrum der Beschwerden variiert: Während westliche Frauen besonders häufig Hitzewallungen und Schlafstörungen nennen, berichten japanische Frauen eher von Schultersteifheit, Kopfschmerzen und Abgespanntheit – und kaum von Hitzewallungen.²

Was steckt dahinter?


Ernährung, Kultur – oder beides?

Eine der meistdiskutierten Erklärungen ist die Ernährung. Soja, in der japanischen Küche allgegenwärtig, enthält Isoflavone – pflanzliche Verbindungen mit einer milden östrogenähnlichen Wirkung. Die Studienlage legt nahe, dass dieser Unterschied in der Ernährung tatsächlich eine Rolle spielen könnte – wenngleich sie noch nicht abschließend geklärt ist.³

Doch Ernährung allein erklärt nicht alles. Die Anthropologin Margret Lock hat in ihren wegweisenden Studien gezeigt, dass das Erleben der Wechseljahre auch kulturell kodiert ist. Sie prägte dafür den Begriff der „lokalen Biologie": die Idee, dass Körper und Kultur untrennbar verbunden sind – dass es also nicht nur darum geht, was im Körper passiert, sondern auch darum, in welchem gesellschaftlichen Rahmen das geschieht.⁴

Wenn eine Frau in einer Kultur aufwächst, in der das Älterwerden mit Weisheit, Autorität und Respekt verbunden ist, erlebt sie den Körper anders als eine Frau, die in einer Gesellschaft lebt, die Jugend über alles stellt.


Wo Wechseljahre Freiheit bedeuten

In Indien betrachten viele Frauen die Menopause als Befreiung. Das Ende der Menstruation bedeutet in manchen Regionen das Ende von Einschränkungen – religiösen, sozialen, räumlichen. Frauen, die zuvor kaum am öffentlichen Leben teilnehmen durften, gewinnen mit den Wechseljahren an Bewegungsfreiheit und gesellschaftlichem Ansehen. Die traditionelle Medizin des Ayurveda begreift die Menopause als Übergang zwischen zwei Lebensphasen – anstrengend, aber mit Sinn und mit Werkzeugen.⁵

In manchen Teilen Afrikas gilt eine Frau nach der Menopause als gleichwertiges Gegenstück zum Mann – sie kann Positionen einnehmen, die ihr zuvor verschlossen waren.⁵

Diese Kulturen haben keine andere Biologie. Aber sie haben eine andere Geschichte, die sie dem Körper erzählen.


Das westliche Dilemma: Jugend als Maßstab

In westlichen Gesellschaften dominiert ein anderes Narrativ. Weiblichkeit wird stark an Fruchtbarkeit und Jugend geknüpft. Wechseljahre markieren das Ende von beidem – zumindest in der kulturellen Lesart. Kein Wunder, dass die Beschwerden hier lauter werden, das Schweigen tiefer ist und die Scham größer.

Und gleichzeitig gilt: In Deutschland bewerten Frauen die Menopause durchaus positiver als in manchen anderen Kulturen – sie sehen neue Chancen und Möglichkeiten. Aber sie leiden gleichzeitig stärker unter den körperlichen Symptomen. Beides ist real. Beides ist wahr.

Das Vorurteil, asiatische Frauen hätten kaum Wechseljahresbeschwerden, ist übrigens zu einfach. Forschungsergebnisse belegen, dass fast die gesamte weibliche Bevölkerung von Wechseljahresbeschwerden betroffen ist – einschließlich asiatischer Frauen. Was variiert, ist das Symptomprofil und die Art, darüber zu sprechen.


Was wir daraus mitnehmen können

Dass Kultur das Erleben der Wechseljahre beeinflusst, ist keine Entschuldigung, Beschwerden zu verharmlosen. Östrogen ist ein systemisches Hormon – sein Abfall hat reale körperliche Folgen, unabhängig davon, was eine Gesellschaft darüber denkt.

Aber der kulturelle Vergleich öffnet eine wichtige Perspektive: Wie wir über die Wechseljahre sprechen, beeinflusst, wie wir sie erleben. Was wir erwarten, formt mit, was wir fühlen. Und welches Bild eine Gesellschaft von alternden Frauen hat, bestimmt mit, wie viel Raum diese Frauen sich nehmen dürfen.

Das bedeutet: Enttabuisierung ist nicht nur medizinisch wichtig. Sie ist kulturell notwendig.

Jede Frau, die offen über ihre Erfahrungen spricht, verändert das Bild, das andere Frauen von sich selbst haben. Jedes Gespräch über Wechseljahre – beim Arzttermin, am Küchentisch, in einer App – macht es normaler, diese Phase als das zu sehen, was sie ist: ein natürlicher, komplexer, individueller Übergang.

Keine Schwäche. Kein Versagen. Ein Teil des Lebens.

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Quellen

Quellen

¹ Wechselweise.net: Wechseljahre weltweit – Gibt es eine „kulturelle Menopause"? Abrufbar unter: https://www.wechselweise.net/news/wechseljahre-weltweit-gibt-es-eine-kulturelle-menopause

² Gesundheitsforschung-BMFTR: Wahrnehmung der Wechseljahre ist kulturell geprägt (Charité-Pilotstudie, gefördert vom BMBF). Abrufbar unter: https://www.gesundheitsforschung-bmftr.de/de/wahrnehmung-der-wechseljahre-ist-kulturell-gepragt-3010.php

³ Wechselweise.net: Wechseljahre weltweit (Soja/Isoflavone). Abrufbar unter: https://www.wechselweise.net/news/wechseljahre-weltweit-gibt-es-eine-kulturelle-menopause

⁴ Spitzen-Praevention.com: Wechseljahre und lokale Biologie – Kulturelle Unterschiede (Margret Lock). Abrufbar unter: https://spitzen-praevention.com/2024/05/31/wechseljahre-lokale-biologie-kulturelle-unterschiede/

⁵ Balancebeautytime.com: Wechseljahre in anderen Kulturen – Völker und Sitten. Abrufbar unter: https://www.balancebeautytime.com/artikel/wechseljahre-andere-v%C3%B6lker-andere-sitten

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