Was dein Körper ab 40 braucht – und warum Progesteron dabei unterschätzt wird

Was dein Körper ab 40 braucht – und warum Progesteron dabei unterschätzt wird

Julia von hermaid im Gespräch mit Dr. Adrian Krahn, Co-CEO von The Women Circle


Viele Frauen ab 40 merken: Irgendetwas verändert sich. Der Schlaf wird schlechter. Die Stimmung schwankt. Der Zyklus ist nicht mehr so verlässlich wie früher. Und irgendwie fühlt sich der Körper einfach anders an.

Was dahintersteckt – und was wirklich hilft – darüber habe ich mit Dr. Adrian Krahn gesprochen. Er hat zusammen mit Dr. Joëlle Zingraff The Women Circle gegründet, eine Plattform für evidenzbasierte Wechseljahresbegleitung aus der Schweiz. Das Gespräch war ehrlich, klar und alles andere als verstaubt.


Julia: Adrian, ihr habt The Women Circle gegründet, weil ihr festgestellt habt, dass die Wechseljahre im medizinischen Alltag kaum ernst genommen werden. Was ist das größte Missverständnis, das ihr in eurer Arbeit immer wieder begegnet?

Dr. Adrian Krahn: Dass die Wechseljahre ein einziges, überschaubares Problem sind – das man mit einem Produkt, einer Tablette oder einem Tipp in den Griff bekommt. Dabei gibt es mehr als 40 verschiedene Symptome. Kein einzelner Extrakt, kein einzelnes Supplement kann das alles abdecken. Was wirklich hilft, ist ein Verständnis: Welche Mechanismen stecken hinter welchen Beschwerden? Erst dann kann man gezielt und wirksam handeln.


Julia: Lass uns konkret werden. In den Wechseljahren verändert sich der Hormonspiegel, der Stoffwechsel verlangsamt sich. Welche Mikronährstoffe empfehlt ihr Frauen in dieser Phase?

Dr. Adrian Krahn: An erster Stelle stehen Vitamin D und Calcium – beide sind entscheidend für die Knochen, besonders wenn die Sonnenexposition gering ist oder über die Ernährung nicht genug Calcium aufgenommen wird. Viele Frauen wissen nicht, wie stark der Knochen in den ersten Jahren nach der Menopause an Dichte verliert.¹

Dazu kommen Magnesium und B-Vitamine – besonders B6, B12, Folsäure und Niacin. Sie unterstützen den Energiestoffwechsel und helfen dabei, Müdigkeit und Stress besser auszugleichen. Das klingt unspektakulär, macht aber im Alltag einen spürbaren Unterschied.²

Und dann sind da noch Omega-3-Fettsäuren, Vitamin C, Zink und Selen – wichtig für Herz-Kreislauf-Gesundheit und das Immunsystem, das sich in dieser Lebensphase ebenfalls verändert.³

Was ich immer betone: Blutwerte messen lassen. Individuell dosieren. Denn sowohl Unter- als auch Überversorgung kann Probleme machen.


Julia: Ihr habt euch auf pflanzliche, evidenzbasierte Produkte spezialisiert. Wie geht das zusammen – Pflanzenkraft und Wissenschaft?

Dr. Adrian Krahn: Das ist eigentlich der Kern unserer Arbeit. Wir schauen nicht, was sich gut anhört oder was gerade im Trend ist. Wir schauen: Welche Pflanzenextrakte haben in klinischen Studien messbare Wirksamkeit gezeigt? Und dann kombinieren wir gezielt – auf ein Symptom ausgerichtet, in der richtigen Dosierung. Pflanzenbasiert bedeutet für uns nicht sanft oder unverbindlich. Es bedeutet: wirksam, hormonfrei und sicher.


Julia: Ein Thema, das bei hermaid gerade viele Frauen beschäftigt, ist Progesteron. Es ist oft das erste Hormon, das in den Wechseljahren sinkt – aber kaum jemand spricht darüber. Warum?

Dr. Adrian Krahn: Weil Östrogen die ganzen Schlagzeilen bekommt. Dabei ist Progesteron das Hormon, das viele Frauen schon ab 40 spüren – wenn die Eisprünge unregelmäßiger werden und der Progesteronspiegel fällt.⁴ Schlechter Schlaf, Reizbarkeit, Herzrasen, prämenstruelles Unbehagen – das sind klassische Progesteronmangel-Symptome. Und die treten oft Jahre vor der eigentlichen Menopause auf.


Julia: Was sollten Frauen über Progesteron grundsätzlich wissen?

Dr. Adrian Krahn: Drei Dinge.

Erstens: Progesteron ist viel mehr als ein Schwangerschaftshormon. Es wirkt auf das Gehirn, die Knochen, das Immunsystem, die Haut – und vor allem auf den Schlaf. Das Abbauprodukt von bioidentischem Progesteron, Allopregnanolon, hat eine nachgewiesene schlaffördernde Wirkung über GABA-Rezeptoren im Gehirn.⁵ Das erklärt, warum viele Frauen nach einer abendlichen Einnahme von bioidentischem Progesteron endlich wieder schlafen können.

Zweitens: Natürliches (bioidentisches) Progesteron und synthetische Gestagene sind nicht dasselbe. Synthetische Gestagene haben eine ähnliche, aber nicht identische Struktur – und zeigen diesen schlaffördernden Effekt nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied, den viele Ärztinnen und Ärzte kennen, der aber im Alltag selten erklärt wird.⁶

Drittens: Ein einziger Blutwert reicht nicht. Der Zeitpunkt der Messung im Zyklus ist entscheidend – idealerweise sieben Tage nach dem Eisprung. Wer einfach irgendwann Blut abnehmen lässt, bekommt einen Wert, der wenig aussagt.


Julia: Was rätst du Frauen, die das Gefühl haben, ihr Körper verhält sich gerade fremd – aber noch keine Diagnose haben?

Dr. Adrian Krahn: Erst mal: Das Gefühl ernst nehmen. Der Körper lügt nicht. Und dann: zur Ärztin oder zum Arzt gehen und aktiv fragen. Nicht nur auf ein Ergebnis warten, sondern selbst steuern. Den Zeitpunkt der Blutabnahme ansprechen. Fragen, ob Progesteron, Östrogen, FSH, LH und Schilddrüsenwerte gemessen werden. Und wenn man sich nicht gehört fühlt: eine zweite Meinung holen. Das ist ein Recht – und kein Drama.


Julia: Und was macht für euch bei The Women Circle den Unterschied zu allem anderen?

Dr. Adrian Krahn: Wir wollen, dass Frauen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen – informiert, nicht verunsichert. Wechseljahre sind keine Krankheit. Sie sind eine Veränderung. Und Veränderungen kann man begleiten, wenn man versteht, was passiert.


Dr. Adrian Krahn ist Co-CEO von The Women Circle, einer Schweizer Plattform für evidenzbasierte Wechseljahresbegleitung. Gemeinsam mit Dr. Joëlle Zingraff entwickelt er klinisch geprüfte, pflanzliche Formulierungen – ein Symptom, ein Produkt.


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Quellen

¹ Baber RJ et al.; IMS Writing Group (2016). 2016 IMS Recommendations on women's midlife health and menopause hormone therapy. Climacteric, 19(2), 109–150. https://doi.org/10.3109/13697137.2015.1129166

² Sitruk-Ware R, El-Etr M (2013). Progesterone and related progestins: potential new health benefits. Climacteric, 16(Suppl 1), 69–78. https://doi.org/10.3109/13697137.2013.809647

³ Schindler AE (2014). Progestogen deficiency and endometrial cancer risk. Maturitas, 78(3), 182–187. https://doi.org/10.1016/j.maturitas.2014.04.009

⁴ Mayo Clinic Laboratories. Progesterone reference ranges. Zitiert nach: Berry K, Shkodzik K (2024). A Guide to Low Progesterone. Mira Health. https://www.miracare.com/blog/low-progesterone/

⁵ Sitruk-Ware R, El-Etr M (2013). Progesterone and related progestins: potential new health benefits. Climacteric, 16(Suppl 1), 69–78. https://doi.org/10.3109/13697137.2013.809647

⁶ de Lignieres B et al. (2002). Combined hormone replacement therapy and risk of breast cancer. Climacteric, 5(4), 332–340.

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