
Vaginale Dysbiose: Das vaginale Mikrobiom spielt eine Schlüsselrolle für Gesundheit und Fruchtbarkeit
Das vaginale Mikrobiom spielt eine Schlüsselrolle für Gesundheit und FruchtbarkeitDie Vagina ist ein faszinierendes Organ mit der Fähigkeit zur Selbstreinigung. Ein komplexes Ökosystem – das vaginale Mikrobiom – sorgt für ein gesundes Gleichgewicht und schützt vor Infektionen.
In diesem Artikel erfährst du, warum dein vaginales Mikrobiom in den Wechseljahren besondere Aufmerksamkeit verdient – und welche einfachen Schritte dir helfen, deine Intimgesundheit zu stärken.
Mit den Wechseljahren verändert sich dieses Ökosystem. Der sinkende Östrogenspiegel bringt das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht und macht die vaginale Schleimhaut anfälliger für Infektionen, Juckreiz, Schmerzen beim Sex, Harnwegsinfekte oder sogar Inkontinenz.
Trockenheit und die Verdünnung des Genitalgewebes gehören zu den häufigsten Beschwerden in den Wechseljahren. Daher ist es jetzt besonders wichtig, deine vaginale Gesundheit zu unterstützen.1
Das vaginale Mikrobiom: Dein natürlicher Schutzschild
Das vaginale Mikrobiom besteht hauptsächlich aus Laktobazillen – nützlichen Bakterien, die Milchsäure produzieren. Diese schafft ein saures Milieu, das schädliche Keime hemmt.
Ein leichter, weißlicher Ausfluss mit neutralem oder leicht säuerlichem Geruch ist ein Zeichen für ein gesundes Mikrobiom.
Mit dem Rückgang des Östrogens nimmt die Zahl der Laktobazillen ab. Dadurch steigt der pH-Wert und schädliche Bakterien oder Hefepilze können sich leichter vermehren. Das erhöht das Risiko für Infektionen wie bakterielle Vaginose oder Pilzinfektionen.1
Ist Lactobacillus wichtig für die Fruchtbarkeit?
Martina, die sich einer IVF-Behandlung unterzog, machte eine typische Erfahrung: Obwohl sie unangenehme Symptome verspürte, versicherte ihr die Ärztin, dass alles in Ordnung sei. Erst auf Martinas Nachfrage wurde ein Mangel an Laktobazillen festgestellt – ein möglicher Grund, warum sich die Embryonen nicht einnisteten.
Ein gesundes vaginales Mikrobiom spielt also nicht nur in den Wechseljahren, sondern auch bei einem Kinderwunsch eine zentrale Rolle.
Dies zeigt, wie wichtig eine gesunde Scheidenflora – gerade in den Wechseljahren und bei Kinderwunsch – ist.
Der pH-Wert: Ein wichtiger Gesundheitsindikator
Eine gesunde Vagina hat einen leicht sauren pH-Wert zwischen 3,8 und 4,4. Ein höherer pH-Wert kann auf eine Störung des Mikrobioms hindeuten.
Selbsttests aus der Drogerie ermöglichen es, den vaginalen pH-Wert bequem zu Hause zu messen.
Präbiotika & Probiotika: Unterstützung für dein Mikrobiom
Diese beiden Stoffgruppen helfen, das mikrobielle Gleichgewicht im Vaginalbereich zu fördern:
- Probiotika: Lebende Mikroorganismen, meist Milchsäurebakterien, erhältlich als Kapseln oder Zäpfchen.
- Präbiotika: Nahrungsbestandteile, die das Wachstum nützlicher Bakterien unterstützen. Sie sind in Obst, Gemüse und Vollkornprodukten enthalten.²
Darm und vaginales Mikrobiom: Eine enge Verbindung
Die Gesundheit von Darmmikrobiom und vaginalem Mikrobiom ist eng verknüpft. Störungen im Darm (z. B. Durchfall oder Verstopfung) können sich negativ auf die Vaginalflora auswirken.
Pro- und Präbiotika unterstützen daher beide Mikrobiota zugleich.
Bakterielle Vaginose: Eine häufige Störung
Bei einer bakteriellen Vaginose vermehren sich schädliche Bakterien übermäßig.
Typische Symptome:
- Fischartiger Geruch (besonders nach dem Sex oder während der Menstruation)
- Dünnflüssiger, grau-weißer Ausfluss
- Juckreiz & Brennen
Diese Infektion sollte ärztlich behandelt werden.³
Vaginale Atrophie in den Wechseljahren
Der Östrogenmangel führt zu Verdünnung und Trockenheit der Vaginalschleimhaut (vulvovaginale Atrophie). Das kann zu Juckreiz, Brennen und Schmerzen beim Sex führen. Auch die natürliche Feuchtigkeitsproduktion nimmt ab.³
Was du für deine vaginale Gesundheit tun kannst
✔ Keine Scheidenspülungen: Sie stören das Mikrobiom. Die Vagina reinigt sich selbst.
✔ Sanfte Reinigung: Äußerer Intimbereich mit warmem Wasser und pH-neutraler Seife reinigen. Keine Duftstoffe!
✔ Gesunde Ernährung: Viel Obst, Gemüse und probiotische Lebensmittel (z. B. Joghurt, Sauerkraut).
✔ Atmungsaktive Unterwäsche: Baumwolle vermeiden feuchtes Milieu.
✔ Ärztliche Abklärung bei Beschwerden wie Juckreiz, Ausfluss oder Schmerzen.
✔ Lokale Östrogentherapie: Kann die vaginale Gesundheit in den Wechseljahren unterstützen.
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Quellen
Das vaginale Mikrobiom ist eines der am stärksten hormonabhängigen Ökosysteme des Körpers. Gerät es aus dem Gleichgewicht, kann das weitreichende Folgen haben – für die Fruchtbarkeit, den Verlauf einer Schwangerschaft und für die Lebensqualität in den Wechseljahren.
Dieses Ungleichgewicht wird als vaginale Dysbiose bezeichnet. Es ist häufig, oft unterschätzt – und gut erklärbar.
1. Was bedeutet vaginale Dysbiose?
In einem gesunden Zustand wird die Vagina von Lactobacillus-Bakterien dominiert. Diese halten das Milieu sauer (pH 3,5–4,0) und schützen vor krankmachenden Keimen.
Von einer vaginalen Dysbiose spricht man, wenn:
- die Dominanz schützender Lactobacillen verloren geht
- der pH-Wert ansteigt
- potenziell pathogene Bakterien überhandnehmen
Ein zentraler Einflussfaktor ist der Östrogenspiegel. Sinkt er – etwa:
- in der Menopause
- postpartal
- unter bestimmten Therapien
verändert sich die Vaginalschleimhaut und damit auch das Mikrobiom.
2. Wie Lactobacillen schützen – drei zentrale Mechanismen
Milchsäureproduktion
Die wichtigste Schutzfunktion.
Lactobacillen senken den pH-Wert und hemmen so pathogene Keime.
Besonders relevant:
- Lactobacillus crispatus produziert D- und L-Milchsäure → besonders stabiler Schutz
- Lactobacillus iners produziert nur L-Milchsäure → weniger protektiv
Bakteriozine
Lactobacillen setzen antimikrobielle Peptide frei, die:
- gezielt pathogene Bakterien hemmen
- teilweise auch gegen antibiotikaresistente Keime wirken
Wasserstoffperoxid (H₂O₂)
Frühere Annahmen wurden korrigiert:
H₂O₂ wirkt vor allem in Kombination mit Milchsäure – nicht isoliert. Entscheidend ist also das Gesamtmilieu, nicht ein einzelner Faktor.
3. Vaginale Dysbiose und Fertilität
IVF-Erfolge und Mikrobiom
Die Evidenz ist eindeutig:
Die Zusammensetzung des vaginalen Mikrobioms beeinflusst den Erfolg assistierter Reproduktion.
- L. crispatus-Dominanz ist mit den höchsten Schwangerschaftsraten assoziiert
→ 54–57 % klinische Schwangerschaftsrate - Eine Meta-Analyse von 3.543 Patientinnen zeigt:
Vaginale Dysbiose erhöht das Risiko für:- frühe Schwangerschaftsverluste
- reduzierte Implantations- und Schwangerschaftsraten
Interessant:
Nicht die maximale, sondern eine moderate Lactobacillus-Abundanz (~80 %) scheint optimal zu sein.
Schwangerschaftskomplikationen
Bakterielle Vaginose erhöht nachweislich das Risiko für:
- Frühgeburt (RR 2,68)
- vorzeitigen Blasensprung (RR 6,75)
- niedriges Geburtsgewicht (RR 3,20)
4. Menopause, Mikrobiom und GSM
Mit dem Östrogenabfall in der Menopause kommt es zu:
- Abnahme der Lactobacillus-Dominanz
- Zunahme pathogener Keime
- pH-Anstieg
Die Folgen zeigen sich klinisch als Genitourinäres Syndrom der Menopause (GSM).
Über 50 % der postmenopausalen Frauen berichten über:
- vaginale Trockenheit
- Juckreiz oder Brennen
- Schmerzen beim Sex
- urologische Beschwerden
Auch rezidivierende Harnwegsinfektionen nehmen deutlich zu:
- prämenopausal: 19–36 %
- postmenopausal: bis zu 55 %
5. Evidenzbasierte Therapieansätze
Vaginale Probiotika
Die Studienlage hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert.
Nachgewiesen wurde:
- L. crispatus-haltige Probiotika verbessern:
- BV-Symptome
- Nugent-Score
- Lactobacillus-Abundanz
- Bei GSM zeigen Kombinationen aus
L. rhamnosus GR-1 + L. reuteri RC-14:- signifikante Symptomverbesserung (p = 0,0001)
- Neue Studien berichten:
- +50 % Verbesserung im Vaginal Health Index
- massive Reduktion entzündlicher Zytokine
(z. B. IL-6 −87,8 %)
Hormontherapie
Die beste Evidenz besteht für die Kombination aus lokaler Östrogentherapie und Probiotika:
- Verbesserung der Schleimhaut
- nachhaltigere Mikrobiomstabilisierung
Vaginale Mikrobiota-Transplantation (VMT)
Ein innovativer Ansatz:
- Pilotstudie: 4 von 5 Frauen mit therapieresistenter BV in langfristiger Remission
- Noch experimentell, aber vielversprechend
6. Praktische Empfehlungen
Bei Kinderwunsch & IVF
- frühzeitige Mikrobiom-Diagnostik
- gezielte Lactobacillus-Substitution
- Zurückhaltung bei unnötigen Antibiotika
In der Menopause
- lokale Östrogentherapie erwägen
- probiotische Unterstützung
- konsequente Behandlung von GSM
Prävention
- milde Intimpflege
- kein routinemäßiges Spülen
- achtsamer Umgang mit Antibiotika
Relevante Lactobacillus-Stämme (wissenschaftlich gut untersucht)
- L. crispatus LBV 88 – zentral für Fertilität
- L. rhamnosus LBV 96 – effektiv bei BV & GSM
- L. gasseri LBV 150N – unterstützt Schwangerschafts-Outcomes
- L. jensenii LBV 116 – starke antimikrobielle Aktivität
Fazit
Vaginale Dysbiose ist kein Randthema.
Sie beeinflusst Fruchtbarkeit, Schwangerschaftsverlauf und Lebensqualität in der Menopause maßgeblich.
Das Mikrobiom ist kein statisches System –
sondern modulierbar, therapierbar und ein zentraler Schlüssel für gynäkologische Gesundheit.
Wissenschaftliche Quellen
- Ravel J et al. Vaginal microbiome of reproductive-age women. PNAS, 2011.
- Brotman RM. Vaginal microbiome and sexually transmitted infections. Curr Opin HIV AIDS, 2011.
- van de Wijgert JHHM et al. The vaginal microbiota: what have we learned after a decade of molecular characterization? PLoS One, 2014.
- Moreno I et al. Vaginal microbiota composition and IVF outcomes. Am J Obstet Gynecol, 2016.
- Haahr T et al. Abnormal vaginal microbiota and pregnancy outcomes. Hum Reprod, 2016.
- Nappi RE, Palacios S. Impact of vulvovaginal atrophy on sexual health. Climacteric, 2014.
- Bradshaw CS et al. Vaginal microbiota transplantation for recurrent BV. N Engl J Med, 2019.
- Donders GGG et al. Effect of probiotics on vaginal health. Eur J Clin Microbiol Infect Dis, 2020.









