„Natürlich" heißt nicht automatisch sicher – was pflanzliche Mittel können und was nicht

„Natürlich" heißt nicht automatisch sicher – was pflanzliche Mittel können und was nicht

„Erst einmal etwas Pflanzliches." Diesen Satz hören wir bei hermaid oft. Der Wunsch, mit etwas Sanftem, Natürlichem einzusteigen, ist verständlich – und völlig legitim. Niemand muss sofort zu Hormonen greifen, und nicht jede Frau braucht das.

Aber: Der Markt für pflanzliche Mittel in den Wechseljahren ist unübersichtlich, die Versprechen oft vage, und wirklich fundierte Informationen sind schwer zu finden. Was genau können pflanzliche Präparate leisten – und wo sind ihre Grenzen?


Was Phytoöstrogene sind – und was sie nicht sind

Phytoöstrogene sind pflanzliche Verbindungen, die in ihrer Struktur dem körpereigenen Östrogen ähneln und an dieselben Rezeptoren binden können – aber schwächer. Die bekanntesten Quellen sind Soja und Rotklee.

Andere Pflanzen wirken hormonfrei: Traubensilberkerze und Johanniskraut werden häufig bei Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen oder Schlafproblemen eingesetzt, über andere Mechanismen.

Einige Studien zeigen, dass bestimmte pflanzliche Arzneien helfen können – vor allem bei leichten Symptomen und wenn eine Hormontherapie nicht in Frage kommt. Aber: Die Datenlage ist begrenzt. Es fehlen hochwertige, langfristige Studien zur Wirksamkeit und – besonders wichtig – zur Sicherheit.^1^


Natürlich heißt nicht ungefährlich

Das ist der Punkt, an dem viele überrascht werden.

Pflanzliche Mittel wirken nicht über einen einzelnen Wirkstoff, sondern über komplexe Mischungen – das erschwert Dosierung, Vergleichbarkeit und Risikoabschätzung erheblich. Auch bei pflanzlichen Präparaten können Nebenwirkungen auftreten: Wechselwirkungen mit Medikamenten, Wirkungen auf hormonsensitives Gewebe, unerwünschte Effekte bei bestimmten Vorerkrankungen.

Hinzu kommt: Der Markt unterscheidet nicht immer klar zwischen Arzneimitteln (geprüft, dosiert, zugelassen) und Nahrungsergänzungsmitteln (keine Wirksamkeitsprüfung erforderlich). Wer ein Produkt kauft, das „Wechseljahre" auf der Packung stehen hat, weiß oft nicht, was genau drin ist und in welcher Menge.

Deshalb empfehlen Fachgesellschaften: ärztliche Begleitung – auch bei pflanzlicher Therapie. Nicht um den Wunsch nach einem natürlichen Weg zu bremsen, sondern um ihn sicher zu machen.


Wo die Grenze verläuft: Das Brustkrebs-Beispiel

Warum das so wichtig ist, zeigt eine der größten Studien zu diesem Thema weltweit: eine Analyse von über 2,15 Millionen Frauen mit Brustkrebsdiagnose zwischen 2011 und 2021 aus der US-amerikanischen National Cancer Database.^2^

Die Forschenden verglichen vier Gruppen: Frauen mit ausschließlich konventioneller Therapie, Frauen, die beides kombinierten, Frauen mit ausschließlich alternativen Methoden, und Frauen ohne jegliche Behandlung.

Die Fünf-Jahres-Überlebensraten:

  • Konventionelle Therapie allein: 85,4 %
  • Kombination aus konventionell und komplementär: 81,2 %
  • Ausschließlich alternative Methoden: 60,1 %
  • Keine Behandlung: 47,8 %

Diese Unterschiede bleiben statistisch signifikant – auch nach Berücksichtigung von Alter, Tumorstadium und sozialen Faktoren.^2^


Warum schneidet sogar die Kombination schlechter ab?

Das überrascht auf den ersten Blick. Die Erklärung: Das Problem liegt nicht in den komplementären Methoden selbst – sondern darin, dass Frauen, die alternative Ansätze nutzten, häufiger einzelne Teile der leitliniengerechten Therapie wegließen.^2^

Im Stadium II erhielten nur 36,6 % der Frauen mit kombiniertem Ansatz eine Bestrahlung – gegenüber 59,5 % in der rein konventionell behandelten Gruppe. Auch Operationen wurden seltener durchgeführt. Nicht weil die alternativen Methoden schadeten – sondern weil der Glaube an sie manchmal dazu führte, auf Wesentliches zu verzichten.


Wer entscheidet sich für alternative Wege?

Hier zeigt die Studie etwas, das gegen einfache Erklärungen spricht: Frauen, die alternative Methoden nutzten, waren häufig jünger, gesünder und überdurchschnittlich oft privat versichert. Es ist keine Frage von Unwissen oder fehlendem Zugang.^2^

Es ist oft eine Frage persönlicher Überzeugungen, des Wunsches nach Kontrolle oder des Misstrauens gegenüber dem Gesundheitssystem. All das ist nachvollziehbar.

Was fehlt, ist häufig das offene Gespräch. Viele Frauen erwähnen ihren Arztpersonen nicht, was sie zusätzlich nehmen – aus Angst vor Ablehnung oder Kommentaren. Dabei wäre genau dieses Gespräch wichtig: um Wechselwirkungen zu erkennen, Lücken in der Therapie zu schließen und gemeinsam informiert zu entscheiden.


Komplementär ja – ersetzen nein

Die Studie richtet sich nicht gegen ergänzende Ansätze. Komplementäre Methoden können im Einzelfall sinnvoll sein: zur Linderung von Nebenwirkungen, zur Verbesserung der Lebensqualität, zur psychischen Unterstützung.^2^

Der entscheidende Unterschied liegt im Wort komplementär – also ergänzend, nicht ersetzend.

Akupunktur gegen Übelkeit? Möglicherweise hilfreich. Meditation zur Stressreduktion? Gut für das Wohlbefinden. Phytoöstrogene bei leichten Symptomen und wenn eine HRT nicht möglich ist? Kann ein Baustein sein.

Das sind andere Entscheidungen als: Ich verzichte auf die Bestrahlung und nehme stattdessen Rotklee-Extrakt.


Was du für dich mitnehmen kannst

Egal ob es um Wechseljahre oder eine ernstere Diagnose geht – drei Dinge helfen:

Unterscheide Arzneimittel von Nahrungsergänzung. Was auf deiner Packung steht, sagt nicht, ob es wirkt oder sicher ist. Bei Arzneimitteln gibt es eine Zulassung. Bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht.

Sprich offen darüber. Was du nimmst, was du überlegst. Eine gute Begleitung urteilt nicht – sie hilft dir, informiert zu entscheiden.

Trenne ergänzen von ersetzen. Pflanzliche Präparate können ein Baustein sein. Aber kein Ersatz für eine Therapie, die du brauchst.


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Der Weg durch die Wechseljahre ist individuell. Manche brauchen HRT, manche finden mit pflanzlichen Mitteln das richtige Gleichgewicht, manche kombinieren beides. Was alle brauchen: verlässliche Informationen, kein Rauschen aus tausend Quellen.

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Quellen

Foto von Jack Blueberry auf Unsplash

  1. Leach MJ, Moore V (2012). Black cohosh (Cimicifuga spp.) for menopausal symptoms. Cochrane Database of Systematic Reviews, 9, CD007244. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007244.pub2
  2. Greenlee H et al. (2025). Complementary and alternative medicine use and breast cancer survival: analysis of the National Cancer Database 2011–2021. JNCI: Journal of the National Cancer Institute. https://doi.org/10.1093/jnci/djaf027
  3. Krebsinformationsdienst.de – Deutsches Krebsforschungszentrum (2024). Komplementäre und alternative Methoden bei Krebs. https://www.krebsinformationsdienst.de
  4. Levis S, Griebeler ML (2010). The role of soy foods in the treatment of menopausal symptoms. Journal of Nutrition, 140(12), 2318S–2321S. https://doi.org/10.3945/jn.110.124388

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