Langlebigkeit in den Wechseljahren: Das Interview mit Dr. Maya Fehling

Langlebigkeit in den Wechseljahren: Das Interview mit Dr. Maya Fehling

Zwei Frauen im Gespräch über Langlebigkeit

Dr. Maya Fehling hat mit hermaid über eine Frage gesprochen, die die meisten Ärzte zu spät stellen: Wie alt willst Du noch werden? Und vor allem: Wie vital?

Maya ist Ärztin, Chief Medical Officer bei The Longevity Practice in Berlin. Sie hat bei Ärzte ohne Grenzen gearbeitet, Startups im Bereich digitale Gesundheit mitgegründet und das Unternehmen Bing Female aufgebaut. Ihre persönliche Geschichte treibt ihre Arbeit an: Sie ist alleinerziehende Mutter, hat selbst die Perimenopause durchlebt und kennt die Frustration von Frauen, die von Ärztinnen abgewiesen werden, weil ihr Zyklus noch regulär ist.

Anne Feldt, CEO und Co-Founder von hermaid, hat mit Maya in unserem Webinar genau diese Lücke angesprochen. Was können Frauen in ihren 40ern jetzt schon tun? Wo ist das kritische Fenster? Und warum ist die Angst vor HRT oft unbegründet?

Das Gespräch ist direkt, ehrlich und voller praktischer Erkenntnisse.


Das Interview

Anne: Maya, Du sprichst immer vom "Window of Opportunity". Was ist damit gemeint?

Maya: Das Window of Opportunity liegt zwischen Ende 30 und Mitte 50. Das ist der Zeitraum, in dem die ersten gesundheitlichen Veränderungen auftreten – aber Du kannst sie noch aktiv beeinflussen. Es ist kein Schalter, der plötzlich umgelegt wird. Es ist eher ein Dimmer. Dein Östrogenspiegel sinkt langsam. Aber genau in diesem Prozess passieren auch andere biologische Veränderungen – und viele davon kannst Du steuern.

Das zentrale Motto, das ich mir merken möchte: "You cannot outmedicate your lifestyle." Du kannst die beste Hormonersatztherapie haben, die teuersten Supplements nehmen. Aber wenn Dein Lebensstil nicht stimmt, wirst Du nicht wirklich gesund. Umgekehrt: Wenn Du jetzt anfängst, Bewegung, Ernährung und Schlaf zu optimieren, kannst Du viele Krankheiten erst gar nicht entstehen lassen.

Anne: Welche Risiken sind die größten?

Maya: Ich arbeite mit einem Framework, das sich auf drei Bereiche konzentriert. Erstens: Kardiovaskuläre Erkrankungen. Sie sind immer noch die Todesursache Nummer eins für Frauen – und viele unterschätzen das. Der Schlüssel ist aber nicht der normale Cholesterinwert. Du musst den Apolipoprotein-B-Wert checken. Dieser Wert zeigt, wie viele LDL-Partikel in Deinem Blut zirkulieren – das ist der echte Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Mit dem richtigen Wert kannst Du Dein Risiko massiv senken.

Zweitens: Neurodegenerative Erkrankungen. Frauen haben ein höheres Alzheimer-Risiko als Männer – das hat direkt mit Östrogen zu tun. Östrogen schützt das Gehirn. Wenn der Spiegel sinkt, steigt das Risiko rapide. Das ist einer der Gründe, warum eine Hormonersatztherapie aus präventiver Perspektive sinnvoll sein kann.

Drittens: Knochengesundheit. Eine Hüftfraktur im Alter kann Deine Unabhängigkeit kosten – oder schlimmer. Östrogen hemmt den Knochenabbau. Wenn es sinkt, acceleriert der Abbau. Das ist ein reales Risiko, das Du jetzt angehen kannst.

Anne: Wie findet eine Frau heraus, wo sie wirklich steht? Was sollte sie checken lassen?

Maya: Drei Dinge. Erstens: Familienanamnese. Wie war die Menopause bei Deiner Mutter, Deiner Großmutter? Gab es Herzprobleme in der Familie? Alzheimer? Krebs? Diese Geschichte verrät Dir, wo Deine biologischen Schwachstellen liegen könnten.

Zweitens: Konkrete Laborwerte. Nicht nur Standard-Parameter. Apolipoprotein B, Lipoprotein (a), Nüchternblutzucker, Insulin. Diese Werte zeigen, ob eine stille Insulinresistenz entsteht – das ist der Anfang von vielen Problemen.

Drittens: Funktionelle Tests. Kannst Du noch 30 Sekunden auf einem Bein stehen? Wie fest ist Dein Händedruck? Wie schnell kannst Du eine Treppe hochgehen? Diese Tests sind bessere Vorhersagen für Deine Gesundheit als viele denken. Und dann noch kardiorespiratorische Fitness messen – VO2 Max.

Erst dann hast Du ein echtes Bild.

Anne: Du hast im Webinar sehr konkrete Tipps gegeben. Lass uns über die drei Säulen sprechen: Bewegung, Ernährung, Schlaf.

Maya: Bewegung wird oft falsch verstanden. Viele Frauen denken: lange Joggen. Aber das ist nicht das Wichtigste. Kraft- und Muskeltraining ist genauso wichtig. Muskeln sind Glukose-Speicher. Je mehr Du hast, desto besser funktioniert Dein Stoffwechsel.

Hier ein praktischer Trick, den ich "Exercise Snacks" nenne: Nach jeder Mahlzeit bewusst aktiv sein. Nicht viel. Statt Aufzug nimmst Du die Treppen. Nach dem Essen machst Du ein paar Kniebeugen oder gehst spazieren. Das klingt banal, aber die Effekte sind messbar – Du reduzierst Blutzuckerspitzen um bis zu 30 Prozent.

Bei der Ernährung machen Frauen den häufigsten Fehler: Sie essen zu wenig Protein. Das Ziel sollte 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich sein. Das ist wichtig, weil Protein nicht nur Muskeln aufbaut, sondern auch Blutzucker stabilisiert und den Knochenabbau bremst. Dazu mindestens 30 Gramm Ballaststoffe täglich – aus Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten.

Schlaf ist die dritte Säule. Sieben bis acht Stunden. Punkt. Wenn die Wechseljahre Deinen Schlaf zerstören – Nachtschweiße, Herzrasen – dann ist das kein kleines Problem. Schlafmangel zerstört Deine Immunabwehr, Deine Hormonregulation, Deinen Metabolismus. Ein gekühltes Zimmer (ungefähr 17 Grad), Verdunkelung, Ohrstöpsel – das hilft. Aber wenn das nicht reicht, kann auch HRT helfen.

Anne: Was ist mit dem großen Mythos Brustkrebs und HRT?

Maya: Diese Angst basiert auf einer fehlinterpretierten Studie von 2002 – der WHI-Studie. Damals wurden Frauen mit einer ganz bestimmten Hormonkombination behandelt – nicht mit dem, was wir heute verwenden. Die Studie wurde dramatisch präsentiert. Heute wissen wir: Das ist nicht vergleichbar mit bioidentischen Hormonen in physiologischen Dosen.

Die Mythen in den Wechseljahren sind größer. Der größte? Dass Frauen abgewiesen werden, solange ihr Zyklus noch regulär ist. Das ist falsch. Und die unbegründete Angst vor Brustkrebs, basierend auf veralteten Daten.

Die Entscheidung für oder gegen HRT sollte auf Fakten basieren, nicht auf Angst. Und sie sollte individuell sein. Bei Frauen ohne Brustkrebs-Vorgeschichte ist das kardiovaskuläre Schutzpotenzial oft größer als ein Risiko – besonders wenn sie früh in der Perimenopause beginnen.

Anne: Und nach einer Brustkrebserkrankung?

Maya: Das ist komplex. Es hängt von der Art der Erkrankung ab, vom zeitlichen Abstand, von der Hormonabhängigkeit. Generell: Das sollte mit der Onkologin besprochen werden, nicht nur mit der Frauenärztin.

Es gibt aber mittlerweile Ansätze mit sehr niedrigen Dosierungen. Und es gibt andere Wege, um Osteoporose zu verhindern – gezieltes Kraft- und Sprungtraining. Das ist nicht nichts.

Anne: Ein Punkt, der mich fasziniert hat: Du hast über Beziehungen gesprochen. Warum ist das für Langlebigkeit so wichtig?

Maya: Das ist eine der am besten erforschten Erkenntnisse. Die Harvard Study of Adult Development läuft seit den 1930ern. Die Forscher haben Jahrzehnte lang Menschen verfolgt und herausgefunden: Die beste Vorhersage für ein langes, glückliches Leben ist nicht der Cholesterinwert. Es ist die Qualität Deiner Beziehungen. Menschen mit stabilen sozialen Verbindungen werden älter, haben weniger chronische Krankheiten, sind glücklicher.

Investiere in Deine Freundschaften. Das ist nicht optional. Das ist zentral für Deine Langlebigkeit.

Anne: Was ist der erste konkrete Schritt für eine Frau, die jetzt sagt: "Ich bin 44, ich will was ändern"?

Maya: Schreib auf, was Du nicht weißt. Wann hast Du das letzte Mal Apolipoprotein B checken lassen? Wann war Deine letzte Vorsorgeuntersuchung? Wie viel Protein isst Du täglich wirklich? Wie viel schläfst Du?

Dann: Finde einen Arzt oder eine Ärztin, die nicht nur Symptome behandelt, sondern mit Dir ein Präventions-Framework aufbaut. Das ist nicht überall Standard – aber es ist möglich.

Und dann: Fang an. Nicht morgen. Jetzt. Mit den drei Säulen: Bewegung, Ernährung, Schlaf. Das sind nicht komplizierte Dinge. Das sind grundlegende Dinge. Und sie funktionieren.

Anne: Maya, danke Dir. Das waren sehr konkrete Antworten.

Maya: Danke Dir, Anne. Das ist genau, worum es mir geht – Frauen nicht Angst machen, sondern Werkzeuge in die Hand geben.


Du erkennst Dich in Mayas Worten wieder?

Du fragst Dich: Wo fange ich an? Du wünschst Dir Unterstützung von Expertinnen, die verstehen, worum es wirklich geht?

Die hermaid-App gibt Dir Zugang zu medizinischen Expertinnen, persönlichen Health Checks und einem Netzwerk von Frauen, die ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen. Nicht später. Jetzt.

💡
Lade hermaid jetzt runter download.hermaid.me – und erhalte Zugang zu Gesundheitsexperten, die Dich verstehen.

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

Mehr Artikel

Priorisiere dich und deine Gesundheit!

Entdecke deine Gesundheit mit hermaid: effizient, bequem und individuell auf dich zugeschnitten