Nach oben, zur Seite oder raus: Was Frauen ab 40 mit ihrer Karriere machen

Nach oben, zur Seite oder raus: Was Frauen ab 40 mit ihrer Karriere machen

Die E-Mail kam an einem Dienstag. Betreff: Herzlichen Glückwunsch. Nina, 46, las sie zweimal. Dann schloss sie den Laptop und sagte Nein.

Zwei Stockwerke höher saß Claudia, 51, und bereitete sich auf ihr erstes Quartalsgespräch als Geschäftsführerin vor. Sie hatte gekämpft, jahrelang, und sie würde es wieder tun.

Und Maren, 44, saß an diesem Dienstag in der Küche und fragte sich, ob sie überhaupt noch gefragt werden würde. Seit sie nach der Elternzeit zurückgekommen war, hatte sich irgendetwas verschoben. Niemand hatte es ausgesprochen. Aber sie spürte es.

Drei Frauen. Eine Lebensphase. Drei völlig verschiedene Geschichten.

Warum diese Phase anders ist

Frauen zwischen 40 und 55 stehen beruflich oft an einem Punkt, an dem Entscheidungen plötzlich anders wirken. Nicht weil sie weniger ambitioniert wären. Sondern weil sich etwas verändert hat, innen und außen gleichzeitig.

Die Wechseljahre spielen dabei eine Rolle, die selten offen benannt wird. Hormonelle Veränderungen in der Perimenopause beeinflussen, wie Frauen Stress verarbeiten, wie sie Risiko bewerten, was sie bereit sind zu geben.¹ Viele beschreiben in dieser Phase ein neues, sehr präzises Gespür für das, was sich richtig anfühlt und was nicht.

Das kann bedeuten: Nein sagen. Es kann aber genauso gut bedeuten: Jetzt erst recht.

Ninas Weg: Die Entscheidung gegen den nächsten Schritt

Nina hat die Beförderung abgelehnt. Nicht weil sie die Stelle nicht hätte ausfüllen können. Sondern weil sie um 22 Uhr abends am Laptop saß und wusste, dass sie in der Runde da oben nicht sein wollte. Nicht so. Nicht mehr.

Was danach kam, war nicht nur Erleichterung. Es war auch Zweifel. Habe ich aufgegeben? Bin ich jetzt unsichtbar?

Studien zeigen, dass Frauen, die sich gegen den Aufstieg entscheiden, diese Entscheidung häufig nicht bereuen, aber sehr wohl mit dem kämpfen, was andere darüber denken.² Der innere Frieden kommt, aber er braucht Zeit. Und er setzt voraus, dass die Entscheidung wirklich die eigene war, nicht Erschöpfung, die sich als Klarheit verkleidet.

Das ist der Unterschied, den es sich lohnt zu kennen.

Claudias Weg: Kämpfen und ankommen

Claudia hat nie aufgehört zu wollen. Sie hat Widerstände erlebt, Räume, in denen der Ton sich veränderte wenn sie eintrat, Entscheidungen, die ohne sie getroffen wurden. Sie hat sich Verbündete gesucht, laut gesprochen wenn andere schwiegen, und gelernt, dass Führung nicht bedeutet, sich anzupassen.

Forschung belegt: Frauen in Führungspositionen erleben überproportional häufig toxische Verhaltensweisen, subtile Ausgrenzung, doppelte Standards, Machtmissbrauch.³ Viele schweigen, aus Angst vor Reputationsschaden, aus dem Wissen, dass Beschwerden selten folgenlos bleiben.

Claudia hat nicht immer gesprochen. Aber sie ist geblieben. Und sie sagt, dass das Ankommen sich anders anfühlt als erwartet. Schwerer. Einsamer. Und trotzdem richtig.

Die Luft da oben ist dünn. Nicht wegen der Verantwortung, sondern wegen der Isolation. Freundschaften, die wegbrechen. Partnerschaften, die unter dem Druck leiden. Wer in dieser Phase niemanden hat, der auffängt, nicht schönredet, sondern ehrlich ist, zahlt einen Preis, den kein Gehaltszettel aufwiegt.

Marens Weg: Die Entscheidung, die ihr niemand ließ

Maren hat keine Wahl getroffen. Die Wahl wurde für sie getroffen, still, ohne Ansage.

Nach der Elternzeit war sie formal wieder da. Aber die Projekte, die kamen, waren kleiner. Die Einladungen zu Meetings, seltener. Niemand sagte etwas. Alle taten so, als wäre alles normal.

Das ist kein Einzelfall. Der sogenannte Motherhood Penalty, der Karriereknick nach Kindern, trifft Frauen strukturell anders als Männer.⁴ Und er verschärft sich, wenn gleichzeitig hormonelle Veränderungen einsetzen, die Energie kosten und von außen nicht sichtbar sind.

Maren fragt sich manchmal, ob sie hätte lauter sein sollen. Ob das etwas geändert hätte. Sie weiß es nicht. Und das ist vielleicht das Ehrlichste, was man dazu sagen kann.

Was alle drei gemeinsam haben

Nina, Claudia und Maren haben verschiedene Entscheidungen getroffen oder hatten keine. Aber sie teilen etwas: den Moment, in dem sie aufgehört haben, nach fremden Maßstäben zu messen, was Erfolg bedeutet.

Für Nina ist das ein leises Leben mit Respekt statt Titel. Für Claudia ist es die Chefetage, aber zu ihren Bedingungen. Für Maren ist es die langsame Erkenntnis, dass das, was ihr passiert ist, nicht ihr Versagen war.

Keiner dieser Wege ist der richtige. Sie sind alle echt.

Was das System ändern müsste

Solange Führung bedeutet, sich anzupassen und Einsamkeit in Kauf zu nehmen, werden viele Frauen genau das tun, was Nina getan hat: Nein sagen. Nicht aus Schwäche, sondern weil das Angebot sich nicht lohnt.

Unternehmen, die Frauen ab 40 verlieren, verlieren Erfahrung und eine Art Urteilsvermögen, das in keinem Assessment-Center gemessen wird. Strukturen ändern sich nicht durch Absichtserklärungen. Sie ändern sich, wenn Führung neu definiert wird, und wenn Frauen wie Claudia oben ankommen und die Tür aufhalten.

Und wenn Frauen wie Maren nicht mehr still verschwinden, ohne dass jemand fragt, warum.

Die Frage, die bleibt

Was willst du eigentlich?

Nicht was du solltest. Nicht was andere erwarten. Was du willst.

Diese Frage ist unbequem. Und sie ist eine der wichtigsten, die du dir in dieser Lebensphase stellen kannst. Die Wechseljahre machen vieles lauter, was vorher leise war. Das können Beschwerden sein. Aber es kann auch eine Stimme sein, die endlich gehört werden will.

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Quellen

¹ Bromberger JT, Kravitz HM. Mood and menopause: findings from the Study of Women's Health Across the Nation (SWAN) over 10 years. Obstet Gynecol Clin North Am. 2011;38(3):609-625. https://doi.org/10.1016/j.ogc.2011.05.011

² Lachman ME. Development in midlife. Annu Rev Psychol. 2004;55:305-331. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.55.090902.141521

³ Catalyst. Women in the Workplace: Toxic Work Environments. 2023. https://www.catalyst.org/research/women-workplace/

⁴ Budig MJ, England P. The wage penalty for motherhood. Am Sociol Rev. 2001;66(2):204-225. https://doi.org/10.2307/2657415

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

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