
Optimiert, hormongefüttert, funktionsfähig – reicht das?
Es gibt einen Moment, in dem Enttabuisierung kippt.
Er ist schwer zu erkennen, weil er so gut gemeint ist. Er klingt nach Selbstbestimmung, nach Freiheit, nach endlich. Er klingt nach: Du musst das nicht erdulden. Es gibt Mittel. Es gibt Wege. Nimm dein Leben in die Hand.
Und das stimmt alles. Es stimmt wirklich.
Und trotzdem lohnt es sich, kurz innezuhalten. Und zu fragen: In wessen Interesse funktioniere ich eigentlich, wenn ich gut funktioniere?
Die Befreiung, die eine Bedingung hat
Die Wechseljahre werden sichtbarer. Frauen sprechen darüber – laut, offen, ohne Entschuldigung. Das ist gut. Das ist wichtig. Das war lange überfällig.
Gleichzeitig hat diese neue Sichtbarkeit eine bestimmte Form angenommen. Sie lautet ungefähr so: Kein Symptom muss sein. Kein Leistungseinbruch muss hingenommen werden. Mit dem richtigen Wissen, den richtigen Mitteln, der richtigen Einstellung lässt sich alles managen.
Das klingt nach Befreiung. Aber schau genauer hin: Die Freiheit, die hier angeboten wird, ist die Freiheit, weiterhin vollständig verfügbar zu sein. Produktiv. Belastbar. Ununterbrechbar.
Die Frage, die dabei leise verschwindet, ist: Was wäre, wenn eine Frau das nicht will? Was wäre, wenn sie in dieser Phase langsamer wird – und das darf?
Das individuelle Problem, das keines ist
Wenn Wechseljahre ausschließlich als persönliches Optimierungsprojekt verstanden werden, passiert etwas Merkwürdiges: Ein gesellschaftliches Thema wird in eine private Angelegenheit verwandelt.
Jede Frau löst es für sich. Mit ihren Mitteln. Auf ihre Art. Und wer es nicht löst – wer trotz allem erschöpft ist, wer langsamer wird, wer Grenzen braucht – hat dann eben nicht genug getan.
Das ist die Logik der Leistungsgesellschaft, verkleidet als Selbstfürsorge.
Denn die eigentliche Frage ist nicht: Wie optimiere ich mich so, dass ich nirgendwo auffalle? Die eigentliche Frage ist: Warum muss eine Frau in einer tiefgreifenden Lebensphase unsichtbar bleiben, um als vollwertige Arbeitskraft zu gelten?
Was echtes Empowerment bedeutet
Echtes Empowerment gibt Frauen Wissen, Werkzeuge und Wahlfreiheit. Über Hormonspiegel, über Behandlungsoptionen, über den eigenen Körper. Das ist der Kern von dem, was hermaid tut – und warum es wichtig ist.
Aber echtes Empowerment hört dort nicht auf.
Es fordert auch: eine Arbeitswelt, die Wechseljahre nicht als Störung betrachtet, sondern als Realität von Millionen erfahrener Frauen. Führungskräfte, die wissen, was in dieser Lebensphase passiert. Strukturen, die Flexibilität nicht als Ausnahme gewähren, sondern als Standard denken. Und eine Gesellschaft, die Leistungszyklen kennt und akzeptiert – statt von allen immer gleich viel zu verlangen.
Wissen über den eigenen Körper zu haben, ist das eine. Das Recht einzufordern, dass die Welt sich mitverändert, ist das andere. Beides gehört zusammen.
Die Frau, die nicht funktioniert
Stell dir vor, sie nimmt nichts. Keine Hormone, keine Nahrungsergänzung, keine App. Vielleicht kann sie nicht, vielleicht will sie nicht, vielleicht hat sie gerade keine Kraft dafür.
In der Logik der reinen Selbstoptimierung ist sie das Problem.
In einer gerechten Gesellschaft ist sie der Anlass, Strukturen zu überdenken.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist größer als er klingt.
Was wir wirklich meinen, wenn wir sagen: Du bist nicht allein
Wenn hermaid sagt, keine Frau soll diese Phase allein durchstehen – dann meinen wir beides.
Wir meinen: Hier ist das Wissen, das dir zusteht. Hier sind die Expert:innen, die dir zuhören. Hier sind die Werkzeuge, die dir helfen können.
Und wir meinen: Das reicht nicht. Dein Arbeitgeber muss zuhören. Dein Arzt muss ernst nehmen. Die Gesellschaft muss aufhören, Frauen ab fünfzig zu übersehen.
Selbstoptimierung ist ein Anfang. Systemveränderung ist das Ziel.
Und bis dahin: Wir sind hier.









