MS und Frausein: Warum dein Geschlecht bei Multipler Sklerose zählt

MS und Frausein: Warum dein Geschlecht bei Multipler Sklerose zählt

Multiple Sklerose ist keine Erkrankung, die alle gleich trifft. Frauen erkranken zwei- bis dreimal häufiger als Männer¹ – und dennoch orientierte sich die Forschung jahrzehntelang an männlichen Studienpopulationen. Das hat Folgen: für die Diagnose, für die Therapiewahl, und dafür, wie gut sich Betroffene wirklich verstanden fühlen.

Gut zu wissen: Das ändert sich. Und du kannst davon profitieren.

Warum Frauen häufiger betroffen sind

Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt – aber Hormone spielen eine wichtige Rolle. Das Immunsystem von Frauen reagiert grundsätzlich stärker auf Reize, was einerseits schützend ist, andererseits das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöht. Bei MS greift das eigene Immunsystem die Myelinschicht an – die schützende Hülle um die Nervenfasern. Interessanterweise wirkt Progesteron hier möglicherweise unterstützend: Es fördert die sogenannte Remyelinisierung, also die Erneuerung dieser Schutzschicht – ein Zusammenhang, der aktuell intensiv erforscht wird.²

Diagnose: Nicht alle Symptome werden gleich ernst genommen

Frauen mit MS berichten häufiger, dass ihre Symptome zunächst als psychosomatisch abgetan wurden. Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Kribbeln – Beschwerden, die schnell auf Stress oder hormonelle Schwankungen geschoben werden. Dabei sind genau das oft die ersten Zeichen einer MS.

Wenn du das Gefühl hast, nicht gehört zu werden: Hol dir eine zweite Meinung. Das ist nicht nur dein Recht – es kann entscheidend für eine frühe Diagnose sein.

Hormone, Zyklus und Schübe – ein echtes Zusammenspiel

Viele Frauen mit MS bemerken, dass ihre Symptome sich im Laufe des Zyklus verändern. Kurz vor der Periode, wenn Östrogen und Progesteron abfallen, verschlechtern sich Beschwerden häufig. In der Schwangerschaft hingegen – wenn der Progesteronspiegel stark ansteigt – geht es vielen deutlich besser. Schübe werden seltener.³

Dieser Zusammenhang ist kein Zufall. Er zeigt, wie eng Nervensystem und Hormonsystem miteinander verbunden sind.

Kinderwunsch mit MS: Möglich, aber gut begleitet

MS ist kein Grund, auf Kinder zu verzichten. Die gute Nachricht: Schwangerschaften verlaufen bei den meisten Frauen mit MS gut, und das Schubrisiko sinkt während der Schwangerschaft sogar deutlich. Allerdings steigt es in den ersten Monaten nach der Geburt wieder an – das sogenannte Post-partum-Schub-Risiko ist real und sollte frühzeitig mit einer Neurologin oder einem Neurologen besprochen werden.⁴

Wichtig: Viele MS-Medikamente sind nicht mit einer Schwangerschaft vereinbar. Eine Therapieanpassung braucht Zeit – plant frühzeitig.

Die Wechseljahre: Eine Phase, die oft unterschätzt wird

Mit dem Eintritt in die Perimenopause sinkt der Östrogenspiegel – und damit fällt ein natürlicher neuroprotektiver Schutz weg. Bei Frauen mit MS kann das bedeuten: mehr Erschöpfung, häufigere Symptomverschlechterungen, veränderte Schubmuster.⁵

Gleichzeitig bieten die Wechseljahre eine Chance: Den eigenen Körper neu zu verstehen, die Therapie zu überdenken und mit einem Team zu sprechen, das Hormonsystem und Nervensystem zusammen denkt – nicht getrennt.

Was du jetzt tun kannst

Du musst dich nicht zwischen „bin ich hormonell aus dem Takt" und „ist das MS" entscheiden. Beides kann zusammenwirken. Und beides verdient Aufmerksamkeit.

Lass deine Beschwerden ernst nehmen. Bitte aktiv um vollständige Diagnostik – inklusive Hormonstatus. Und such dir Begleitung, die den ganzen Menschen sieht.

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Quellen

  1. Harbo HF, Gold R, Tintoré M (2013). Sex and gender issues in multiple sclerosis. Therapeutic Advances in Neurological Disorders, 6(4), 237–248. https://doi.org/10.1177/1756285613488434
  2. Garay LI et al. (2007). Progesterone attenuates demyelination and microglial reaction in the lysolecithin model of acute demyelination. Journal of Neuroimmunology, 188(1–2), 59–67. https://doi.org/10.1016/j.jneuroim.2007.05.016
  3. Confavreux C et al. (1998). Rate of pregnancy-related relapse in multiple sclerosis. New England Journal of Medicine, 339(5), 285–291. https://doi.org/10.1056/NEJM199807303390501
  4. Vukusic S et al. (2004). Pregnancy and multiple sclerosis (the PRIMS study). Brain, 127(6), 1353–1360. https://doi.org/10.1093/brain/awh affected (PRIMS-5 Zusatz)
  5. Bove R et al. (2016). Menopause in multiple sclerosis: therapeutic considerations. Journal of Neurology, 263(6), 1257–1264. https://doi.org/10.1007/s00415-016-8099-y

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

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