„Ich dachte, das gehört jetzt einfach dazu" – Genitale Beschwerden in den Wechseljahren

„Ich dachte, das gehört jetzt einfach dazu" – Genitale Beschwerden in den Wechseljahren

Karin ist 52. Seit ein paar Monaten macht ihr etwas zu schaffen, worüber sie mit niemandem spricht. Nicht mit ihrer besten Freundin, nicht mit ihrer Ärztin. Sex tut weh. Manchmal brennt es einfach so. Sie denkt: Das ist Altern. Das gehört jetzt dazu. Also sagt sie nichts.

Dabei hätte ihre Ärztin ihr in einer einzigen Konsultation helfen können.

Genitale Beschwerden in den Wechseljahren sind eines der am häufigsten verschwiegenen Themen in der Frauengesundheit – und gleichzeitig eines der am besten behandelbaren. Das ist eine Kombination, die wir nicht hinnehmen wollen.


Häufiger als du denkst – und dennoch kaum besprochen

Bis zu 85 % der Menschen in den Wechseljahren berichten über Scheidentrockenheit und Juckreiz.^1^ Von diesen erleben bis zu 60 % Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.^1^ Das sind keine Randphänomene. Das ist Mehrheit.

Und trotzdem: Die meisten werden nicht behandelt.

Warum? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Viele wissen gar nicht, dass diese Beschwerden mit den Wechseljahren zusammenhängen können – sie halten es für Pilze, für eine Infektion, für etwas Selbstverschuldetes. Viele trauen sich nicht, das Thema in der Sprechstunde anzusprechen. Und auf ärztlicher Seite geht es in der begrenzten Konsultationszeit schlicht unter, weil andere Themen bereits die Zeit füllen.^2^

Das Ergebnis: Millionen Menschen leiden still an etwas, das behandelt werden kann.


Was da eigentlich passiert

Der medizinische Begriff dafür lautet Genitourinary Syndrome of Menopause (GSM) – auf Deutsch etwa: urogenitales Syndrom der Menopause.^3^ Klingt kompliziert, ist aber gut beschreibbar.

Wenn der Östrogenspiegel sinkt, verändert sich das Gewebe der Vagina und des äußeren Genitalbereichs. Es wird dünner, trockener, weniger elastisch. Die Schleimhaut verliert an Feuchtigkeit und Schutzfunktion. Das kann sich anfühlen wie:

  • Trockenheit und Brennen, auch ohne Sex
  • Juckreiz und Reizungen
  • Schmerzen oder Druckgefühl beim Geschlechtsverkehr
  • Häufigerer Harndrang oder Harnwegsinfekte

Wichtig zu wissen: Diese Beschwerden verschwinden nicht von selbst – anders als manche Wechseljahressymptome wie Hitzewallungen, die bei vielen mit der Zeit nachlassen. Das urogenitale Syndrom kann sich ohne Behandlung sogar verschlechtern.^3^


Die gute Nachricht: Es gibt viele Möglichkeiten

Die Diagnostik ist unkompliziert. Eine Ärztin oder ein Arzt braucht dafür drei Dinge: ein offenes Gespräch über die Symptome, eine gynäkologische Untersuchung und ggf. einen Abstrich, um andere Ursachen wie Infektionen auszuschließen.^2^

Und dann? Stehen tatsächlich mehrere Wege offen:

Hormonfreie Lokalbehandlung Vaginalgele und -cremes ohne Hormone sind rezeptfrei erhältlich und können Linderung bringen – besonders bei leichten Beschwerden oder wenn Hormone nicht infrage kommen. Sie befeuchten und schützen, ohne systemisch zu wirken.^4^

Lokale Östrogentherapie Vaginale Östrogenpräparate – als Zäpfchen, Creme, Tablette, Gel oder Ring erhältlich – wirken direkt vor Ort. Die Dosis ist so niedrig dosiert, dass sie kaum ins Blut gelangt.^5^ In den ersten Wochen wird meist täglich angewendet, danach reichen zwei- bis dreimal pro Woche. Die systemischen Risiken, die in Packungsbeilagen aufgelistet werden, gelten für diese lokalen Präparate in der Regel nicht – das ist leider oft missverständlich und verunsichert sowohl Patientinnen als auch Ärztinnen.^6^

Vaginales DHEA (Prasterone) DHEA ist ein Vorläuferhormon, das der Körper lokal in Östrogen und Testosteron umwandeln kann. Es wird täglich angewendet und ist eine wirksame Alternative zur reinen Östrogentherapie.^7^ Interessant: In den USA und Kanada wird es inzwischen sogar bei Frauen nach Brustkrebs eingesetzt – in der EU und der Schweiz ist es dort noch kontraindiziert, was die unterschiedliche Bewertung von Leitlinien weltweit zeigt.

Hormonersatztherapie (HRT) Wenn genitale Beschwerden im Kontext weiterer Wechseljahressymptome auftreten – etwa Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen – kann eine systemische Hormonersatztherapie sinnvoll sein, die alle Beschwerden gemeinsam adressiert. Das ist eine Entscheidung, die individuell und gut begleitet getroffen werden sollte.

Vaginallaser Als nicht-hormonelle Option zeigt der Vaginallaser in Studien positive Effekte auf die Vaginalschleimhaut. Er stimuliert die Kollagenproduktion und verbessert die Gewebefeuchtigkeit.^8^ Für Menschen, die keine Hormone möchten oder können, kann das eine interessante Alternative sein.


Ein Wort zur Packungsbeilage

Wer ein vaginales Hormonpräparat in der Hand hält und die Packungsbeilage liest, erschrickt oft: Da stehen dieselben Warnhinweise wie für die „große" Hormonersatztherapie. Thrombose. Brustkrebs. Schlaganfall.

Das ist keine böse Absicht – aber es ist irreführend. Der Grund liegt in regulatorischen Vorgaben: Alle unerwünschten Ereignisse, die jemals in Studien zu einer Substanz beobachtet wurden (auch in ganz anderen Dosierungen), müssen aufgelistet werden.^6^ Für niedrig dosierte lokale Präparate, bei denen kaum Wirkstoff ins Blut übergeht, ist das Risikoprofil jedoch fundamental anders als für systemische Therapien.

Wenn du unsicher bist: Sprich es an. Eine gute Begleitung erklärt dir den Unterschied.


Du musst das nicht einfach hinnehmen

Karin hat irgendwann doch mit ihrer Ärztin gesprochen. Nach ein paar Wochen mit einem lokalen Östrogenpräparat war der Schmerz weg. Sie sagte danach: „Ich kann nicht glauben, dass ich zwei Jahre damit gewartet habe."

Zwei Jahre. Für etwas, das so gut behandelbar ist.

Wenn du Beschwerden kennst, die in diesem Artikel klingen wie deins: Du musst keine Ärztin selbst davon überzeugen, dass es real ist. Du musst nicht googeln, ob du überreagierst. Du musst es nur ansprechen – und dir jemanden suchen, der zuhört.


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Quellen

  1. Mosconi L et al. (2021). Menopause impacts human brain structure, connectivity, energy metabolism, and amyloid-beta deposition. Scientific Reports, 11, 10867. https://doi.org/10.1038/s41598-021-90084-y
  2. Mosconi L et al. (2017). Perimenopause and emergence of an Alzheimer's bioenergetic risk factor. PLOS ONE, 12(10), e0185926. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185926
  3. Greendale GA et al. (2009). Effects of the menopause transition and hormone use on cognitive performance in midlife women. Neurology, 72(21), 1850–1857. https://doi.org/10.1212/WNL.0b013e3181a71193
  4. Maki PM, Henderson VW (2012). Cognition and the menopause transition. Menopause, 19(7), 762–766. https://doi.org/10.1097/gme.0b013e31824f7c62
  5. Mosconi L et al. (2021). (s. Nr. 1) – Adaptationsbefunde zur postmenopausalen Stabilisierung.
  6. Erickson KI et al. (2011). Exercise training increases size of hippocampus and improves memory. PNAS, 108(7), 3017–3022. https://doi.org/10.1073/pnas.1015950108
  7. Xie L et al. (2013). Sleep drives metabolite clearance from the adult brain. Science, 342(6156), 373–377. https://doi.org/10.1126/science.1241224

Foto von redcharlie auf Unsplash

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