
Der Gender Pain Gap: Warum Frauenschmerzen zu oft ignoriert werden
Du gehst zur Ärztin, beschreibst deine Schmerzen – und hast das Gefühl, nicht wirklich gehört zu werden. Vielleicht wird dir gesagt, das sei Stress. Oder Einbildung. Oder „das gehört dazu". Du gehst nach Hause, suchst im Internet, fragst Freundinnen, zweifelt an dir selbst.
Wenn du das kennst: Du bist nicht allein. Und du bildest dir nichts ein.
Was der Gender Pain Gap ist
Der Begriff Gender Pain Gap beschreibt eine gut belegte Ungleichheit im Gesundheitssystem: Frauen werden mit ihren Schmerzen seltener ernst genommen, warten länger auf Diagnosen und erhalten häufiger keine adäquate Behandlung – im Vergleich zu Männern mit ähnlichen Symptomen.
Das ist kein Gefühl. Das sind Zahlen.
Was die Forschung zeigt
Der Nurofen Gender Pain Gap Index Report 2025 befragte 5.000 Erwachsene in Großbritannien. Die Ergebnisse sind deutlich:¹
53 % der Frauen gaben an, dass ihre Schmerzen schon einmal ignoriert oder abgetan wurden – bei Männern waren es 48 %. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren steigt dieser Wert auf 73 %.
Die Folgen sind konkret: 74 % der betroffenen Frauen suchten daraufhin anderswo Rat. 21 % wandten sich an KI-Tools wie ChatGPT. 91 % derjenigen, die Online-Ratschläge fanden, setzten diese auch um – ohne zu wissen, ob sie sicher oder passend sind.
35 % der Frauen haben das Vertrauen ins Gesundheitssystem verloren. 46 % zögern inzwischen, überhaupt Hilfe zu suchen.
Und bei der Diagnose: Eine von sechs Frauen wartet länger als ein Jahr auf eine Diagnose – bei Männern ist es einer von zehn.
Wie das in Deutschland aussieht
Die Studie stammt aus Großbritannien. Aber die Datenlage für Deutschland zeigt dasselbe Bild.
Bis zu 70 % der Menschen mit chronischen Schmerzen in Deutschland sind weiblich.² 23 Millionen Deutsche leiden an chronischen Schmerzen, davon rund vier Millionen schwer betroffen – und Frauen sind überproportional darunter.³
33 % der Frauen in Deutschland berichten, dass ihre Schmerzen von Ärztinnen und Ärzten nicht geglaubt werden – bei Männern sind es 16 %.⁴ Bei vielen Schmerzerkrankungen wie Endometriose oder Fibromyalgie dauert es in Deutschland durchschnittlich zwei bis fünf Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.⁵
Der Deutsche Ärztinnenbund fordert seit Jahren geschlechtersensible Schmerzmedizin – weil Schmerzwahrnehmung, Schmerzverarbeitung und die Wirkung von Schmerzmedikamenten nachweislich geschlechtsspezifisch sind.⁶
Warum das besonders Frauen in den Wechseljahren betrifft
In den Wechseljahren verändern sich viele Dinge gleichzeitig: Gelenke, Muskeln, Kopf, Stimmung, Schlaf. Viele dieser Symptome sind hormonell bedingt – und trotzdem schwer zu benennen, weil sie diffus sind und von Ärzteseite oft als „normal für das Alter" abgetan werden.
Wer in dieser Phase mit Schmerzen oder Beschwerden zum Arzt geht und nicht ernst genommen wird, zieht sich zurück. Wartet. Zweifelt. Sucht Antworten im Internet – oft ohne zu wissen, ob die Informationen verlässlich sind.
Das ist keine individuelle Schwäche. Das ist eine systemische Lücke.
Was du tun kannst, wenn du nicht gehört wirst
Du hast das Recht, ernst genommen zu werden. Einige konkrete Schritte können helfen:
Schreib deine Symptome auf, bevor du zum Termin gehst – Zeitpunkt, Intensität, Auslöser. Konkrete Beschreibungen machen es schwerer, Schmerzen abzutun.
Frag gezielt nach: „Welche Erkrankungen können diese Symptome verursachen?" oder „Welche Tests schließen andere Ursachen aus?" Das signalisiert, dass du informiert bist und eine fundierte Antwort erwartest.
Hol dir eine zweite Meinung – das ist dein gutes Recht und in Deutschland kostenlos möglich.
Und: Vertraue deinem Körpergefühl. Du kennst ihn am besten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Frauen werden mit ihren Schmerzen strukturell seltener ernst genommen – das belegen Studien aus Großbritannien und Deutschland.
- Die Folge: Frauen suchen Rat im Internet, verlieren Vertrauen, zögern bei der nächsten Arztsuche.
- In Deutschland warten Frauen bei vielen Schmerzerkrankungen zwei bis fünf Jahre auf eine Diagnose.
- Du kannst aktiv gegensteuern: Symptome dokumentieren, gezielt fragen, zweite Meinung einholen.
Dein Körper. Deine Stimme. Deine Gesundheit.
Du solltest nicht jahrelang warten müssen, bis jemand zuhört. Und du solltest nicht auf ungeprüfte Internetratschläge angewiesen sein, wenn du Antworten brauchst.
Quellen
¹ Nurofen., Gender Pain Gap Index Report 4th Edition. Reckitt. 2025.
² Häuser W et al., Chronische Schmerzen, Schmerzkrankheiten und Zufriedenheit der Betroffenen mit der Schmerzbehandlung in Deutschland. Schmerz. 2014.
³ Deutsche Schmerzgesellschaft., Fakten zum Schmerz in Deutschland. schmerzgesellschaft.de. 2023.
⁴ Bundesärztekammer., Studie zur geschlechtsspezifischen Wahrnehmung von Schmerzen im medizinischen Kontext. 2022.
⁵ Endometriose-Vereinigung Deutschland., Durchschnittliche Diagnosezeit bei Endometriose in Deutschland. endometriose-vereinigung.de. 2023.
⁶ Deutscher Ärztinnenbund., Positionspapier zur geschlechtersensiblen Medizin. aerztinnenbund.de. 2022.









