
Endometriose & Wechseljahre: Was passiert in deinem Körper?
Karins Regel war immer schmerzhaft. Seit ihrem 28. Lebensjahr weiß sie, dass Endometriose der Grund ist – aber 14 Jahre hat sie auf diese Diagnose gewartet. Mit Anfang 40 kamen dann neue Beschwerden dazu: Schlafprobleme, Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen. War das die Endometriose? Die Wechseljahre? Oder beides?
Sie ist damit nicht allein. Viele Frauen, die mit Endometriose leben, erleben genau diesen Moment: Die Perimenopause beginnt – und plötzlich wird alles komplizierter.
Wir haben mit Dr. med. Natella Obenaus-Goloviants gesprochen. Sie ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, begleitet Frauen bei hermaid als Expertin für Wechseljahre und gynäkologische Gesundheit – und ihr Ansatz ist klar: Wissen ersetzt Angst. „Weniger Angst bedeutet weniger Krankheit."

Was ist Endometriose überhaupt?
Endometriose ist eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen weltweit – und trotzdem dauert es im Schnitt 7 bis 10 Jahre, bis sie erkannt wird.¹ Dabei wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter – im Bauchraum, auf Organen wie Darm oder Blase, manchmal auch in der Gebärmutterwand selbst (dann spricht man von Adenomyose).
„Die Erkrankung ernährt sich von den regelmäßigen Zyklen und dem Östrogenspiegel", erklärt Dr. Obenaus-Goloviants. „Das Gewebe blutet mit – und diese Blutungen führen zu Vernarbungen und Verklebungen."
Das Ergebnis: starke Schmerzen, oft rund um die Menstruation. Aber Endometriose ist mehr als das. Es ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die den gesamten Körper betrifft. „Betroffene sind oft erschöpft – weil der Körper dauerhaft mit Entzündungsprozessen beschäftigt ist."¹
Zahlen, die das Ausmaß zeigen:
- 1 von 10 Frauen im gebärfähigen Alter ist betroffen¹
- 70 % leiden unter starken Regelschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen¹
- 30–50 % sind von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen¹
- 1 von 3 berichtet von Depressionen oder Angststörungen – als direkte Folge von Schmerzen und langer Diagnose-Odyssee¹
Perimenopause: Wenn die Hormone aus dem Takt geraten
Die Perimenopause – also die Phase vor der letzten Menstruation – kann Endometriose-Beschwerden verstärken. Der Grund: Die Hormonspiegel schwanken stark, manchmal steigt das Östrogen sogar vorübergehend an. Gleichzeitig sinkt Progesteron.
„Ein Progesteronmangel macht die Gebärmutterwand empfindlicher", sagt Dr. Obenaus-Goloviants. „Das kann zu stärkeren und schmerzhafteren Blutungen führen."²
Für Frauen, die ihren Zyklus wegen der Endometriose medikamentös unterdrücken, kommt eine weitere Herausforderung hinzu: Sie merken die Wechseljahre nicht an der ausbleibenden Blutung. Stattdessen kommen Hitzewallungen, Gelenkbeschwerden oder Schlafstörungen – Signale, die leicht übersehen oder falsch zugeordnet werden. So wie bei Karin.
Menopause: Verschwindet die Endometriose einfach?
Eine verbreitete Annahme lautet: Nach der Menopause ist Endometriose kein Thema mehr. Das stimmt leider nicht ganz.
„Der klassische Regelschmerz verschwindet, ja", erklärt Dr. Obenaus-Goloviants. „Aber die Endometriose selbst geht nicht weg. Was bleibt, sind die Narben im Bauchraum und ein überstrapaziertes, überempfindliches Nervensystem."
Das bedeutet: Auch nach der Menopause können Schmerzen und Beschwerden weiterbestehen – auch wenn sie sich in ihrer Form verändern. Das Nervensystem hat jahrelang Schmerzsignale verarbeitet und ist sensibilisiert. Studien zeigen, dass etwa 2 bis 2,5 % der Betroffenen auch nach der letzten Periode noch aktive Endometriose haben.³
Hormonersatztherapie: Geht das bei Endometriose?
Die gute Nachricht: Ja, auch Frauen mit Endometriose können eine Hormonersatztherapie (HRT) machen. Die Entscheidung muss aber individuell und gut abgewogen sein.
„Möglicherweise wird ein synthetisches Gestagen einem bioidentischen Progesteron vorgezogen, um einen stärkeren Schutz gegen das Endometrium zu gewährleisten", erklärt Dr. Obenaus-Goloviants. „Das Gesamtkonzept muss stimmen – die Angst vor der Endometriose einerseits, die Belastung durch Wechseljahresbeschwerden andererseits."⁴
Kein Schema passt für alle. Eine Ärztin oder ein Arzt, die bzw. der beide Themen kennt, ist hier unverzichtbar.
Was wirklich trägt: die vier Säulen
Neben der medizinischen Therapie spielen Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle. Dr. Obenaus-Goloviants nennt vier Bereiche, die funktionieren müssen, um stabil zu bleiben:
Ernährung: Eine antientzündliche Ernährung kann helfen – aber welche Lebensmittel bei dir persönlich Entzündungsreaktionen auslösen, ist individuell. Ein Ernährungstagebuch kann aufdecken, was manchmal erst ein bis zwei Tage später zu Beschwerden führt. Histamin ist dabei ein häufiges Thema.⁵
Bewegung: Ob Yoga oder Laufen – entscheidend ist, dass du dich dabei gut fühlst. Bewegung soll keine neue Stressquelle sein.
Stressmanagement: Chronischer Stress befeuert Entzündungsprozesse. Entspannungsstrategien sind kein Luxus, sondern Teil der Therapie.
Schmerzmanagement: „Schmerzen aushalten ist keine Option", betont Dr. Obenaus-Goloviants. „Je länger der Körper Schmerzsignale verarbeitet, desto sensibler reagiert er darauf." Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen können sinnvoll sein – immer in Absprache mit der behandelnden Person.
Isoflavone: ein kleiner, aber wertvoller Tipp
Dr. Obenaus-Goloviants empfiehlt außerdem, Isoflavone in die Ernährung zu integrieren. Diese pflanzlichen Verbindungen – zum Beispiel in Soja, Leinsamen oder Kichererbsen enthalten – wirken hormonstabilisierend und antientzündlich. Sie können sowohl bei Wechseljahresbeschwerden als auch bei Endometriose positiv wirken.⁶
Du bist nicht allein
„Nehmt eure Symptome ernst und sucht aktiv nach Hilfe – auch wenn ihr vor Ort nicht gehört werdet", appelliert Dr. Obenaus-Goloviants. „Es gibt Wege und Unterstützung."
Endometriose und Wechseljahre gleichzeitig zu navigieren ist komplex. Aber du musst das nicht allein durchdenken. Wissen ist der erste Schritt – und der nächste ist, die richtigen Menschen an deiner Seite zu haben.
Du hast Fragen zu Endometriose, Wechseljahren oder Hormonen – und weißt nicht, wo du anfangen sollst? In der hermaid App findest du fundierte Informationen und kannst direkt mit Expertinnen wie Dr. Obenaus-Goloviants sprechen.
Quellen
¹ Zondervan, K.T. et al. (2020). Endometriosis. New England Journal of Medicine, 382(13), 1244–1256. https://doi.org/10.1056/NEJMra1810764
² Laufer, M.R. & Sanfilippo, J. (2021). Hormonal fluctuations and endometriosis in perimenopause. Journal of Minimally Invasive Gynecology, 28(4), 712–720. https://doi.org/10.1016/j.jmig.2020.12.024
³ Vercellini, P. et al. (2014). Endometriosis: pathogenesis and treatment. Nature Reviews Endocrinology, 10(5), 261–275. https://doi.org/10.1038/nrendo.2013.255
⁴ Gemmell, L.C. et al. (2017). The management of menopause in women with a history of endometriosis. Human Reproduction Update, 23(4), 481–500. https://doi.org/10.1093/humupd/dmx011
⁵ Parazzini, F. et al. (2013). Diet and endometriosis risk. Human Reproduction, 22(1), 70–75. https://doi.org/10.1093/humrep/del269
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.









