
Endometriose und Kinderwunsch – was du wirklich wissen solltest
Die Diagnose Endometriose und der Wunsch nach einem Kind – das ist für viele Frauen eine der emotional schwersten Kombinationen. Zahlen kursieren, Worst-Case-Szenarien werden geteilt, und irgendwo dazwischen steht die Frage: Was bedeutet das für mich?
Eine Antwort zuerst: Endometriose bedeutet nicht automatisch Kinderlosigkeit. Etwa 70 % der Frauen mit Endometriose können auf natürlichem Weg schwanger werden.¹ Aber die Erkrankung kann den Weg dorthin erschweren – und manchmal braucht es Unterstützung.
Wie Endometriose die Fruchtbarkeit beeinflusst
Endometriose kann auf verschiedenen Wegen die Fruchtbarkeit beeinträchtigen – je nach Lage und Schweregrad der Herde:
Verwachsungen und Vernarbungen können die Eileiter blockieren oder verformen, sodass Eizelle und Spermien sich nicht begegnen können.¹
Entzündliche Prozesse im Bauchraum verändern das Milieu rund um die Eizelle und können deren Qualität beeinflussen.²
Endometriome – Zysten an den Eierstöcken, die mit Endometriosegewebe gefüllt sind – können die Eierstockreserve (AMH) verringern.³
Adenomyose – Endometriosegewebe in der Gebärmutterwand – kann die Einnistung einer befruchteten Eizelle erschweren.²
Wichtig: Der Zusammenhang zwischen Endometriose-Stadium und Fruchtbarkeit ist nicht linear. Manche Frauen mit ausgedehnten Befunden werden problemlos schwanger – andere mit minimalen Herden nicht. Jede Situation ist individuell.
Timing: Warum der Zeitpunkt eine Rolle spielt
Endometriose ist eine fortschreitende Erkrankung – sie kann sich über die Jahre verschlechtern. Das bedeutet nicht, dass Panik angebracht ist. Aber es bedeutet, dass das Thema Kinderwunsch nicht unnötig lange aufgeschoben werden sollte, wenn es relevant ist.
Für Frauen, die sich in Zukunft Kinder wünschen, aber noch nicht bereit sind: Die Bestimmung der Eierstockreserve (AMH-Wert) kann ein sinnvoller erster Schritt sein, um zu verstehen, wie viel Zeit bleibt. Egg Freezing – das Einfrieren von Eizellen – ist eine Option, die zunächst mehr Spielraum schafft.⁴
Operation: Hilft sie der Fruchtbarkeit?
Eine häufige Frage: Sollte ich mich operieren lassen, um meine Chancen zu verbessern? Die Antwort ist – wie so oft bei Endometriose – individuell.
Bei Endometriomen (Ovarialzysten) kann eine operative Entfernung die Fruchtbarkeit verbessern, birgt aber gleichzeitig das Risiko, gesundes Eierstockgewebe zu beschädigen und die Eierstockreserve zu verringern. Die Entscheidung sollte sorgfältig mit einer spezialisierten Ärztin oder einem spezialisierten Arzt abgewogen werden.⁵
Bei anderen Formen von Endometriose kann eine Laparoskopie Verwachsungen lösen und die natürlichen Chancen verbessern – besonders bei Frauen mit leichter bis mittelschwerer Erkrankung.¹
Wenn es nicht auf natürlichem Weg klappt: Reproduktionsmedizin
Wenn eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg ausbleibt, gibt es heute wirksame Unterstützung:
Intrauterine Insemination (IUI): Aufbereitete Spermien werden direkt in die Gebärmutter eingebracht – ein vergleichsweise einfacher erster Schritt bei leichteren Formen.
In-vitro-Fertilisation (IVF): Eizellen werden außerhalb des Körpers befruchtet und dann eingesetzt. Bei Endometriose ist IVF oft das Mittel der Wahl – mit vergleichbaren Erfolgsraten wie bei anderen Ursachen von Unfruchtbarkeit, sofern die Eierstockreserve ausreichend ist.⁶
ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion): Wird eingesetzt, wenn zusätzlich ein männlicher Faktor vorliegt.
Die emotionale Dimension
Der Weg zum Kinderwunsch mit Endometriose ist selten nur medizinisch. Er ist emotional aufreibend, unvorhersehbar und oft einsam – weil er sich schwer teilen lässt.
Schuldgefühle gegenüber dem Partner oder der Partnerin, Trauer über jeden nicht funktionierenden Zyklus, Erschöpfung durch Behandlungen – das alles ist real und verdient Raum. Psychologische Begleitung, der Austausch mit Betroffenen und das aktive Einbeziehen des Partners oder der Partnerin können helfen, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Was du jetzt tun kannst
AMH bestimmen lassen: Ein erster orientierender Schritt, der zeigt, wie es um deine Eierstockreserve steht.
Spezialisierte Beratung suchen: Nicht jede Gynäkologin ist mit Endometriose und Kinderwunsch gleich vertraut. Reproduktionsmediziner:innen mit Endometriose-Erfahrung sind die bessere Adresse.
Nichts überstürzen – aber auch nicht zu lange warten: Eine fundierte Einschätzung deiner individuellen Situation ist der wichtigste erste Schritt.
Hoffnung ist berechtigt
Endometriose und Mutterschaft schließen sich nicht aus. Viele Frauen mit Endometriose haben Kinder – auf natürlichem Weg oder mit Unterstützung. Der Weg dorthin kann länger oder anders aussehen als erwartet. Aber er existiert.
Quellen
¹ Zondervan KT, et al. Endometriosis. New England Journal of Medicine. 2020;382(13):1244–1256. https://doi.org/10.1056/NEJMra1810764
² Vercellini P, et al. Endometriosis: pathogenesis and treatment. Nature Reviews Endocrinology. 2014;10(5):261–275. https://doi.org/10.1038/nrendo.2013.255
³ Somigliana E, et al. Surgical excision of endometriomas versus ovarian cyst fenestration and coagulation. Fertility and Sterility. 2015. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2015.02.034
⁴ Cobo A, et al. Oocyte vitrification as an efficient option for elective fertility preservation. Fertility and Sterility. 2016. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2016.09.025
⁵ Hart RJ, et al. Excision versus ablation for endometriosis-associated infertility. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2008. https://www.cochranelibrary.com
⁶ Barnhart K, et al. Baseline endometrioma and IVF outcomes. Fertility and Sterility. 2002. https://doi.org/10.1016/S0015-0282(01)03268-1
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.









