Die Diagnose-Odyssee: Warum Endometriose so oft übersehen wird

Die Diagnose-Odyssee: Warum Endometriose so oft übersehen wird

Durchschnittlich 7 bis 10 Jahre. So lange dauert es, bis Frauen mit Endometriose eine korrekte Diagnose erhalten.¹ In dieser Zeit besuchen viele Betroffene zahlreiche Arztpraxen, werden von Notaufnahmen nach Hause geschickt, bekommen gesagt, ihre Schmerzen seien „normal" – oder eingebildet. Diese Erfahrung hat sogar einen Namen bekommen: Medical Gaslighting.

Aber warum passiert das – und was kannst du dagegen tun?

Grafik einer fortgeschrittenden Endometriosis: Schweizer Inselgruppe6

„Das ist doch normal bei der Periode"

Der erste und hartnäckigste Grund für die lange Diagnosezeit ist kulturell: Menstruationsschmerzen gelten in vielen Gesellschaften als selbstverständlich. Mädchen lernen früh, Schmerzen zu normalisieren und auszuhalten. Wer als Jugendliche krank zuhause bleibt, hört oft: „Das gehört dazu."

Diese Normalisierung hat konkrete Folgen. Betroffene suchen später Hilfe, schildern ihre Beschwerden zurückhaltender – und stoßen auch beim medizinischen Fachpersonal auf Skepsis. Starke Regelschmerzen sind aber kein normaler Zustand. Sie sind ein Signal des Körpers, das ernst genommen werden muss.²


Symptome, die in alle Richtungen zeigen

Endometriose imitiert andere Erkrankungen – das macht sie so schwer zu greifen. Bauchschmerzen, Blähungen, Darmprobleme: Das klingt nach Reizdarmsyndrom. Beckenschmerzen und Erschöpfung: Das könnte vieles sein. Viele Betroffene landen zunächst beim Gastroenterologen, beim Orthopäden oder in der Psychiatrie – bevor jemand an Endometriose denkt.³

Hinzu kommt: Die Intensität der Symptome korreliert nicht mit dem Schweregrad der Erkrankung. Manche Frauen mit ausgedehnten Herden haben kaum Beschwerden, andere mit kleinen Herden leiden stark. Das macht eine Einschätzung von außen noch schwieriger.


Das Diagnoseproblem: Es gibt keinen einfachen Test

Endometriose lässt sich nicht mit einem Bluttest nachweisen. Ultraschall und MRT können Hinweise liefern – aber der einzige Weg zur gesicherten Diagnose ist nach wie vor die Laparoskopie: ein operativer Eingriff, bei dem Ärzt:innen die Bauchhöhle direkt einsehen.⁴

Das bedeutet: Selbst wenn jemand an Endometriose denkt, ist der Weg zur Bestätigung aufwendig. Viele Ärzt:innen zögern, einen Eingriff zu empfehlen, solange „nicht genug Leidensdruck" besteht. Ein Kreislauf, der Betroffene zermürbt.


Gaslighting im Wartezimmer

Medical Gaslighting – das Abtun oder Kleinreden von Symptomen durch medizinisches Fachpersonal – ist für viele Frauen mit Endometriose keine Ausnahme, sondern ein wiederkehrendes Muster. Studien zeigen, dass Frauen bei der Schmerzbehandlung systematisch anders behandelt werden als Männer: Ihre Schmerzen werden häufiger als emotional oder übertrieben eingestuft.²

Die psychischen Folgen sind erheblich: Jede dritte Betroffene berichtet von Depressionen oder Angststörungen – oft als direkte Reaktion auf jahrelange Nicht-Anerkennung.¹


Was du tun kannst, um schneller gehört zu werden

Du kennst deinen Körper. Hier sind konkrete Schritte, die helfen können:

Schmerzen dokumentieren: Ein Schmerztagebuch – wann, wie stark, in welcher Zyklusphase – liefert objektive Daten, die schwer zu ignorieren sind. Apps können dabei helfen.

Konkret benennen: Statt „ich habe Bauchschmerzen" lieber: „Ich habe zyklusabhängige Beckenschmerzen, die mich arbeitsunfähig machen und seit X Jahren bestehen."

Zweite Meinung holen: Du hast das Recht, eine andere Praxis aufzusuchen. Gynäkolog:innen mit Endometriose-Schwerpunkt oder zertifizierte Endometriose-Zentren sind hier die bessere Adresse.

Auf Überweisung bestehen: Wenn dein Anliegen abgetan wird, frage konkret nach einer Überweisung zu Spezialist:innen oder nach einer Laparoskopie zur Abklärung.

Nicht alleine gehen: Eine Vertrauensperson bei Arztterminen kann helfen – als Zeug:in, aber auch als emotionale Unterstützung.


Du wirst gehört – auch wenn es Zeit braucht

Die Diagnose-Odyssee ist real. Sie ist nicht deine Schuld. Und sie endet – auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt.

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Quellen

¹ World Health Organization (2023). Endometriosis. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/endometriosis

² Tragantzopoulou P. Endometriosis and stigmatization: A literature review. Journal of Endometriosis and Pelvic Pain Disorders. 2024;16(2):117–122. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/22840265241248488

³ Zondervan KT, et al. Endometriosis. New England Journal of Medicine. 2020;382(13):1244–1256. https://doi.org/10.1056/NEJMra1810764

⁴ American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG). Endometriosis. https://www.acog.org/womens-health/faqs/endometriosis

⁵ Soliman AM, et al. The direct and indirect costs associated with endometriosis. Human Reproduction. 2018;33(7):1256–1272. https://doi.org/10.1093/humrep/dey081

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

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