Die Menopause ist die Reset-Taste - Mythen über Hormone

Die Menopause ist die Reset-Taste - Mythen über Hormone

Prof. Katrin Schaudig ist Gynäkologin und eine der bekanntesten Stimmen zur Menopause im deutschsprachigen Raum. Bei einem Vortrag an der Charité Berlin sprach sie über Hormontherapie, Risiken und die Frage, was Frauen in den Wechseljahren wirklich brauchen. Was sie sagte, war klar, direkt – und manchmal überraschend ehrlich.

Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse für Dich zusammengefasst.


„Das Hauptproblem in der Perimenopause ist nicht der Mangel – sondern die Schwankungen"

Das ist einer der Sätze, die hängen bleiben.

Viele Frauen denken, die Wechseljahre fangen an, wenn Östrogen sinkt. Schaudig erklärt: In der Perimenopause – also den Jahren vor der letzten Blutung – spielt das Hormonsystem verrückt. Nicht stetig bergab, sondern auf und ab. Zu viel Östrogen, zu wenig Östrogen, phasenweise auch zu viel Progesteron. Das Zwischenhirn, erklärt sie bildhaft, peitscht die Eierstöcke vor sich her, weil es verzweifelt versucht, noch eine Schwangerschaft zustande zu bringen.

Das erklärt, warum diese Phase für viele Frauen die belastendste ist: nicht weil der Körper nachlässt, sondern weil er in einem ständigen Ausnahmezustand arbeitet.

Und es erklärt, warum eine einfache Östrogen-Progesteron-Gabe in der Perimenopause nicht immer hilft: „Das verrücktspielende Ovar werden Sie mit Progesteron und Östrogen nicht im Zaum halten können", sagt Schaudig. „Die Hormone schwanken dann nur auf höherem Niveau."


Die Feenfrage: Was stört Dich am meisten?

Schaudig stellt ihren Patientinnen immer dieselbe Frage – sie nennt sie die Feenfrage:

„Wenn ich eine Fee wäre und kann eines Ihrer Symptome wegzaubern: Was soll ich wegzaubern?"

Es klingt spielerisch. Es ist klinisch klug. Denn die Antwort zeigt, wo der echte Leidensdruck liegt. Und der ist bei jeder Frau anders.

„Es sind ganz oft gar nicht die Hitzewallungen", sagt Schaudig. „Es ist sehr oft der Schlaf, der die Frauen fertig macht." Oder die Reizbarkeit. Das Gefühl emotionaler Dünnhäutigkeit. Manchmal – und das sagt sie ohne Ironie – sind es Schmerzen beim Sex, und das einzige, was hilft, ist ein gutes Gleitgel. „So banal es klingt – damit habe ich schon Frauen glücklich gemacht."

Die Botschaft dahinter ist ernster: Nicht alles braucht eine große Therapie. Aber alles verdient eine ehrliche Einordnung. Und dafür muss zuerst klar sein, was Dich am meisten belastet.


Das Brustkrebsrisiko – eingeordnet, nicht weggeredet

Der Angstmacher Nummer eins. Schaudig geht ihn direkt an.

Sie zeigt eine Statistik: Von 1.000 Frauen bekamen ohne Hormontherapie 63 bis zum 70. Lebensjahr Brustkrebs. Nach fünf Jahren Hormonen waren es zwei mehr. Nach zehn Jahren sechs mehr. Nach 15 Jahren zwölf mehr.

„Ob Ihnen das viel oder wenig erscheint, ist Ihre Entscheidung", sagt sie. „Aber schauen Sie, wie viele Frauen nicht betroffen sind."

Und dann kommt der Vergleich, der sitzt: Zwei Gläser Wein am Abend erhöhen das Brustkrebsrisiko stärker als eine moderate Hormontherapie. Übergewicht ebenfalls. „Wir gehen dauernd Risiken ein. Gemessen an anderen Risiken sind die Hormone relativ gering."

Was außerdem wichtig ist: Das Risiko für Thrombosen und Schlaganfall, das Hormone haben können, betrifft vor allem orale Präparate. „Transdermales Östrogen – Gel, Spray oder Pflaster – macht in niedriger Dosierung keine Thrombose", sagt Schaudig klar. „Das lesen Sie selbst noch auf den Seiten von IQIG und BfArM, aber es wird nicht genügend differenziert."

Das bedeutet: Dieses Risiko ist, bei der richtigen Anwendungsform, vermeidbar.


Bioidentisch ist nicht automatisch risikofrei

Ein Mythos, den Schaudig ebenfalls direkt benennt: dass bioidentische Hormone kein Brustkrebsrisiko mit sich bringen.

„Das stimmt nicht. Auch da haben Sie eine geringe Erhöhung nach langer Zeit – sie ist weniger als bei anderen, aber sie ist da."

Wer das bisher anders gehört hat, ist nicht allein. Es ist eine verbreitete Annahme – und sie ist nicht vollständig korrekt. Das macht bioidentische Hormone nicht schlecht. Aber es macht informierte Entscheidungen wichtiger.


Scheidentrockenheit: das unterschätzte Symptom, das nicht von selbst besser wird

Schaudig spricht ein Thema an, das in Arztgesprächen zu selten vorkommt.

„Hitzewallungen gehen meistens irgendwann mal weg. Der Schlaf wird besser. Die Psyche wird besser. Die Scheidentrockenheit wird mehr werden – und das ist das einzige Symptom, was tatsächlich immer schlimmer wird."

Lokale vaginale Hormone sind sicher, auch langfristig. Der Beipackzettel schreckt ab – Schaudig sagt dazu unverblümt: „Den können Sie gleich wegschmeißen. Es stimmt alles nicht, was da drinsteht, ist leider so."

Wer nicht mit Hormonen behandeln möchte, kann Hyaluronsäurehaltige Cremes nutzen – aber mit einer realistischen Erwartung: „Das ist eine Dauertherapie, keine Kur."


Neu: NK3-Antagonisten – eine Option ohne Hormone

Für Frauen, die keine Hormone nehmen dürfen oder wollen, gibt es eine neue Therapieoption: NK3-Antagonisten. Sie wirken direkt am Hitzewallungszentrum im Gehirn und blockieren den Neurotransmitter, der Hitzewallungen auslöst.

„Was Hitzewallungen anbelangt, ist das genauso effektiv wie Hormone", sagt Schaudig. Auch Schlaf verbessert sich. Was es nicht leistet: Knochenschutz, und die Datenlage zu Wirkungen auf die Psyche ist noch begrenzt.

Ein erstes Präparat ist zugelassen, ein weiteres folgt. Eine echte Erweiterung der Möglichkeiten – für Frauen, die bisher kaum Optionen hatten.


Hormone schützen – das wird zu selten betont

Neben den Risiken gibt es gut belegte Schutzeffekte einer Hormontherapie, die viel zu wenig bekannt sind.

Hormontherapie senkt das Risiko für Osteoporose – das wissen die meisten. Aber auch das Diabetesrisiko sinkt. Und Darmkrebs wird durch Hormontherapie nachweislich reduziert. „Das ist eine Erkenntnis, die vielen nicht bekannt ist."

Wer nur über Risiken spricht, zeichnet ein unvollständiges Bild.


Die alles entscheidende Frage: Wie hoch ist Dein Leidensdruck?

Schaudig sagt es mehrfach, immer wieder: Die wichtigste klinische Frage ist nicht, welche Therapie theoretisch besser ist. Sondern: Wie stark leidet diese Frau? Wie sehr ist ihr Alltag eingeschränkt?

„Es gibt 20 % Frauen, die sagen: macht mir alles gar nichts, ich bin da so durch. Die verderben dann die Preise für die anderen, wenn sie ihnen suggerieren: Stell Dich nicht so an."

Keine Frau, die leidet, soll das hören müssen.

Und keine Frau soll eine Therapie beginnen, nur weil jemand anderes sie gemacht hat. „Es ist vollkommen in Ordnung, wenn jemand sagt: Ich will keine Hormone – auch wenn Sie mir erzählen, die helfen weiter. Jeder muss es für sich selbst entscheiden."


„Die Menopause ist der goldene Moment, die Reset-Taste zu drücken"

Das ist der Satz, mit dem Schaudig endet. Und er verdient Aufmerksamkeit.

Die Menopause ist nicht nur ein Ende. Sie ist – wenn man hinschaut – ein Anfang. Ein Moment, in dem der Körper ehrlich wird. In dem man fragen kann: Wie will ich die möglicherweise längste Phase meines Lebens gestalten? Welche Weichen stelle ich jetzt?

„Es geht nicht darum, dass wir hundert werden, wenn wir krank sind", sagt sie. „Wir wollen hundert werden und dabei gesund bleiben."

Dafür braucht es Wissen. Ehrliche Gespräche. Und eine Begleitung, die zuhört.

Zuhören, individuelle Einordnung, keine Pauschalantworten – ist der Anspruch, den hermaid an jede Begleitung stellt.

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Quellen & Einordnung

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag von Prof. Dr. Katrin Schaudig, Gynäkologin und Menopause-Expertin, gehalten im März 2026 an der Charité Berlin. Die zitierten Positionen geben ihren klinischen Standpunkt und aktuelle Leitlinienempfehlungen wieder.

Weiterführende wissenschaftliche Referenzen:

¹ Deutsche Menopause Gesellschaft (DMG): Leitlinie zur Behandlung der Wechseljahre. https://www.menopause-gesellschaft.de

² North American Menopause Society (NAMS). Hormone Therapy Position Statement, 2022. https://www.menopause.org

³ IQWIG / BfArM: Risikobewertung transdermaler Östrogene. https://www.iqwig.de

⁴ Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Krebsregister – Brustkrebsinzidenz und Mortalität. https://www.rki.de

⁵ Boardman HM et al. Hormone therapy for preventing cardiovascular disease in post-menopausal women. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015. https://doi.org/10.1002/14651858.CD002229.pub4

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