
DHEA: Das Hormon, das niemand kennt – und das trotzdem so viel tut
Kein eingängiger Name. Kein großes Marketingbudget. Kaum ein Arztgespräch, in dem es auftaucht. Und trotzdem: Dehydroepiandrosteron – kurz DHEA – ist eines der wirksamsten Hormone im Körper. Und eines der am meisten übersehenen.
Was DHEA ist – und warum es so besonders ist
DHEA wird hauptsächlich in den Nebennieren gebildet, jenen kleinen Drüsen, die wie Kappen auf den Nieren sitzen. Es gehört zur Gruppe der Androgene – also der sogenannten männlichen Sexualhormone. Aber dieser Begriff ist irreführend: DHEA ist für alle Geschlechter gleichermaßen relevant.
Seine eigentliche Stärke liegt darin, was der Körper daraus machen kann. DHEA ist eine Vorstufe für mehrere andere Hormone – darunter Östrogen und Testosteron.¹ Es ist gewissermaßen der Rohstoff, aus dem der Körper je nach Bedarf das produziert, was gerade gebraucht wird. Mal mehr Östrogen, mal mehr Testosteron – DHEA liefert die Grundlage dafür.
Und woher kommt DHEA? Aus Cholesterin. Enzyme in den Nebennieren wandeln Cholesterin zunächst in Pregnenolon um – und daraus entsteht DHEA. Das zeigt: Cholesterin ist kein reiner Bösewicht, sondern Ausgangsstoff für wichtige Hormone – ein Zusammenhang, der im medizinischen Alltag oft zu wenig Beachtung findet.¹
Das stille Backup-System für Östrogen
In den fruchtbaren Jahren produzieren die Eierstöcke den Großteil des Östrogens. Mit der Perimenopause und Menopause ändert sich das – die Eierstöcke ziehen sich schrittweise zurück.
Hier übernimmt DHEA eine entscheidende Aufgabe: Es dient als alternatives Produktionssystem. Verschiedene Gewebe im Körper – darunter Haut, Fettgewebe und Muskeln – können DHEA lokal in Östrogen umwandeln.¹ Das ist kein vollständiger Ersatz, aber ein wichtiger Puffer. Besonders in der Postmenopause, wenn die Eierstöcke kaum noch aktiv sind, wird dieses DHEA-abhängige System relevanter.
Das erklärt auch, warum ein fallender DHEA-Spiegel in den Wechseljahren so spürbare Folgen haben kann – auch wenn Östrogen selbst nicht direkt gemessen wird.
Der natürliche Abfall – und was er bedeutet
DHEA ist eines der wenigen Hormone, das nicht erst in den Wechseljahren zu sinken beginnt. Der Höchststand liegt bei den meisten Menschen zwischen 20 und 30 Jahren. Danach fällt der Spiegel kontinuierlich – oft um rund 10 % pro Jahrzehnt. Mit 75 Jahren hat der Körper nur noch etwa 20 % des DHEA-Levels aus den Zwanzigern.¹
Dieser altersbedingte Rückgang hat sogar einen eigenen medizinischen Begriff bekommen: Adrenopause – in Anlehnung an die Menopause, aber für die Nebennieren. Dieser Rückgang ist normal – aber nicht ohne Konsequenzen.
Ein niedriger DHEA-Spiegel kann sich zeigen als:
- Müdigkeit und Erschöpfung – auch bei ausreichend Schlaf
- Libidoverlust – DHEA beeinflusst über Testosteron die sexuelle Lust
- Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen – DHEA hat nachweislich Einfluss auf das Wohlbefinden⁴
- Konzentrationsprobleme und Gedächtnisschwäche – DHEA unterstützt kognitive Funktionen
- Geschwächtes Immunsystem – DHEA spielt eine Rolle in der Immunregulation
- Gewichtszunahme – DHEA unterstützt die Fettverbrennung, reguliert den Insulinspiegel und wirkt dem Aufbau von viszeralem Bauchfett entgegen²
- Verstärkung anderer Wechseljahresbeschwerden¹
Diese Symptome werden selten mit DHEA in Verbindung gebracht – und bleiben deshalb oft unbehandelt.
Was DHEA im Körper leistet
Knochengesundheit
Östrogen ist eines der wichtigsten Schutzschilde für die Knochen. Da DHEA zur Östrogenproduktion beiträgt, wirkt es indirekt auch auf die Knochengesundheit. Studien zeigen, dass ein niedrigerer DHEA-Spiegel mit stärkerem Knochenschwund assoziiert ist – besonders bei postmenopausalen Frauen.² DHEA ist damit ein unterschätzter Faktor in der Osteoporose-Prävention.
Herzgesundheit
Höhere DHEA-Spiegel sind mit einem geringeren Risiko für Arteriosklerose und Herzerkrankungen assoziiert. Es gibt Hinweise, dass DHEA das HDL-Cholesterin (das „gute") positiv beeinflussen kann.² Auch hier gilt: Die Studienlage ist vielversprechend, aber noch nicht abschließend.
Stimmung und psychisches Wohlbefinden
DHEA hat nachweislich Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Studien zeigen, dass es depressive Symptome lindern kann – besonders bei Menschen mit niedrigem DHEA-Ausgangsspiegel.⁴ Der Mechanismus ist noch nicht vollständig verstanden, aber der Zusammenhang ist gut dokumentiert.
Stoffwechsel und Gewicht
DHEA unterstützt die Fettverbrennung und den Muskelaufbau, reguliert den Insulinspiegel und wirkt dem Aufbau von viszeralem Bauchfett entgegen – jenem Bauchfett, das mit besonders vielen Folgeerkrankungen assoziiert ist.²
DHEA als Therapieoption – was ist möglich?
Vaginales DHEA (Prasterone) ist als lokales Präparat zugelassen und zeigt gute Wirksamkeit bei genitalen Beschwerden – Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr – ohne den systemischen Östrogenspiegel wesentlich zu erhöhen.³ In den USA empfiehlt die onkologische Gesellschaft es sogar bei Frauen unter Aromatasehemmern nach Brustkrebs. In der EU ist das derzeit noch anders bewertet – ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich internationale Leitlinien in diesem Bereich noch sind.
Systemisches DHEA wird bei Erschöpfung, Libidoverlust und allgemeinem Wohlbefinden diskutiert. Die Studienlage ist hier weniger eindeutig und die individuelle Dosierung entscheidend.¹
Wichtig: DHEA ist kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel, das einfach so eingenommen werden kann. Da es eine Vorstufe mehrerer Hormone ist, kann eine unkontrollierte Einnahme das Hormongleichgewicht verschieben. Ein Gespräch mit einer Ärztin – und idealerweise eine vorherige Messung des DHEA-Spiegels – ist der richtige erste Schritt.
Nebenwirkungen ehrlich betrachtet
DHEA ist ein wirksames Hormon – und das bedeutet: Es hat bei Überdosierung oder unkontrollierter Einnahme auch Nebenwirkungen.
Milde Nebenwirkungen bei oraler Einnahme können sein: Akne oder unreine Haut, Bauchbeschwerden, Reizbarkeit.⁵
Bei zu hoher Dosierung kann es zu ernsteren Effekten kommen: erhöhte Androgenspiegel (z. B. vermehrte Körperbehaarung, Stimmveränderung), Senkung des HDL-Cholesterins, Verschlechterung einer bestehenden Hormonstörung wie PCOS sowie Wechselwirkungen mit Medikamenten.⁵
Frauen in der Schwangerschaft oder Stillzeit sollten DHEA nicht einnehmen. Auch bei bestehenden hormonabhängigen Erkrankungen ist ärztliche Begleitung zwingend. Die richtige Dosis ist individuell – sie hängt von Alter, Ausgangswert, Symptomen und anderen Hormonen ab. Es gibt keine universelle Empfehlung, die für alle passt.
Lohnt sich ein DHEA-Test?
Ja – besonders wenn du unter Erschöpfung, Libidoverlust oder verstärkten Wechseljahresbeschwerden leidest, ohne dass Östrogen oder Progesteron allein die Erklärung liefern. DHEA-Sulfat (DHEA-S) lässt sich einfach im Blut messen und gibt ein gutes Bild des langfristigen DHEA-Status.¹
Ein Wert allein sagt wenig – er muss im Kontext von Alter, Symptomen und anderen Hormonwerten interpretiert werden. Aber er kann ein wichtiges Puzzlestück sein.
Das Bild ist größer als Östrogen allein
Die Wechseljahre sind kein simpler Östrogenabfall. Sie sind ein komplexer hormoneller Umbau, an dem mehrere Systeme beteiligt sind: Progesteron, Testosteron, Cortisol, Schilddrüsenhormone – und eben auch DHEA. Hormone arbeiten nie allein, sie arbeiten als Team. Wer nur auf ein einziges schaut, sieht höchstens die Hälfte.
Eine Therapie, die nur ein Hormon ersetzt, löst manchmal nur einen Teil des Problems. Ein ganzheitlicher Blick – auf Ernährung, Lebensstil, Stressmanagement und das gesamte Hormonsystem – ist langfristig wirksamer.
Übrigens: DHEA ist in keinem Lebensmittel direkt enthalten. Aber eine vollwertige Ernährung mit gesunden Fetten und ausreichend Protein unterstützt die körpereigene Produktion – denn sie liefert das Cholesterin, aus dem DHEA entsteht.¹
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Quellen
¹ Labrie F. DHEA, important source of sex steroids in men and even more in women. Progress in Brain Research, 2010. https://doi.org/10.1016/S0079-6123(10)82004-7
² Villareal DT, Holloszy JO. Effect of DHEA on abdominal fat and insulin action in elderly women and men. JAMA, 2004. https://doi.org/10.1001/jama.292.18.2243
³ Labrie F et al. Intravaginal dehydroepiandrosterone (prasterone), a physiological and highly efficient treatment of vaginal atrophy. Menopause, 2016. https://doi.org/10.1097/GME.0000000000000651
⁴ Wolkowitz OM et al. Dehydroepiandrosterone (DHEA) treatment of depression. Biological Psychiatry, 1997. https://doi.org/10.1016/S0006-3223(96)00043-1
⁵ Elraiyah T et al. The benefits and harms of systemic dehydroepiandrosterone (DHEA) in postmenopausal women with normal adrenal function. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2014. https://doi.org/10.1210/jc.2014-2261









