„Alles normal" – und trotzdem stimmt etwas nicht

„Alles normal" – und trotzdem stimmt etwas nicht

Swati ist 48. Seit Monaten schläft sie schlecht, ihre Haare werden dünner, und nach dem Mittagessen könnte sie einfach einschlafen. Sie geht zur Hausärztin. Blut wird abgenommen. Eine Woche später kommt der Anruf: alles im Normalbereich.

Swati legt auf und weiß nicht, ob sie weinen oder schreien soll.

Sie ist nicht allein. Dieses Gefühl, mit echten Beschwerden in eine Praxis zu gehen und mit einer Standardaussage wieder rauszukommen, kennen viele Frauen in den Wechseljahren. Das Problem ist oft nicht, dass etwas übersehen wurde. Das Problem ist, dass nicht die richtigen Fragen gestellt wurden.

Warum Standardblutbild nicht reicht

Ein Routine-Blutbild deckt das Nötigste ab. Für Frauen in der Peri- und Postmenopause ist das nötigste aber mehr als beim Durchschnitt. Mit sinkendem Östrogen verändern sich Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Knochen und Energiehaushalt gleichzeitig. Das spiegelt sich in Werten, die im Standard-Check schlicht nicht auftauchen.

Was das konkret bedeutet: Swatis Hausärztin hat vermutlich TSH gemessen, vielleicht ein großes Blutbild. Was sie nicht gemessen hat, waren die Werte, die in dieser Lebensphase tatsächlich relevant sind.

Diese Werte sind relevant

Herzgesundheit

Mit sinkendem Östrogen steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich.¹ Ein einfacher Gesamtcholesterin-Wert reicht dafür nicht. Relevant sind LDL und HDL getrennt, dazu ApoB als Marker für riskante LDL-Partikel, und Lipoprotein(a), ein genetisch bedingter Risikofaktor, der sich nicht durch Lebensstil beeinflussen lässt und deshalb früh bekannt sein sollte.

Blutzucker und Insulin

Viele Frauen entwickeln in der Perimenopause eine schleichende Insulinresistenz. Sie zeigt sich durch Bauchfett, Energielöcher nach den Mahlzeiten, Heißhunger. Der Nüchtern-Glukosewert allein erfasst das oft nicht. Aussagekräftiger sind HbA1c, Nüchtern-Insulin und der daraus berechnete HOMA-Index.²

Schilddrüse

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann Beschwerden wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Brain Fog so überzeugend imitieren, dass sie von Wechseljahressymptomen kaum zu unterscheiden sind.³ TSH allein ist dabei ein grober Filter. Wer Beschwerden hat, sollte auch freies T4 und freies T3 prüfen lassen.

Ferritin

Ferritin misst den Eisenspeicher, nicht nur den aktuellen Eisenspiegel. Bei Erschöpfung, Haarausfall oder noch unregelmäßigen, starken Blutungen ist das der entscheidende Wert. Ein Ferritin von 22 kann im Referenzbereich liegen und trotzdem zu niedrig für eine optimale Funktion sein. „Normal" und „optimal" sind nicht dasselbe.

Knochendichte

Östrogen schützt die Knochen. Wenn es sinkt, beschleunigt sich der Knochenabbau. Ein DEXA-Scan misst die Knochendichte und erkennt Osteoporose-Risiken, bevor sie sich durch Frakturen bemerkbar machen.⁴

Hormonstatus

Estradiol, FSH und Progesteron sind bei Zyklusstörungen, Schlafproblemen oder wenn unklar ist, ob die Menopause bereits eingetreten ist, sinnvoll. Wichtig zu wissen: Hormonspiegel schwanken in der Perimenopause stark, ein einzelner Wert ist immer nur eine Momentaufnahme und muss im Kontext der Beschwerden bewertet werden.

Die Frage, die sich lohnt

Bevor du Tests machen lässt, ist eine Frage wichtig: Was machst du mit den Ergebnissen? Wer grundsätzlich keine Hormontherapie in Betracht zieht und auch keine anderen Interventionen möchte, braucht manche Werte weniger dringend. Wer aber bereit ist, auf Basis von Ergebnissen zu handeln, für die ist ein erweitertes Profil eine echte Grundlage.

Blutwerte sind kein Selbstzweck. Sie sind ein Werkzeug für Entscheidungen.

Was die Kasse zahlt und was nicht

Das ist der Teil, der Frauen zu Recht frustriert. Viele dieser Tests gelten als Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) und werden nicht von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen, weil sie als prophylaktisch eingestuft werden. Das bedeutet: Du kannst sie bezahlen, aber du musst darauf bestehen, dass sie angeboten werden.

Manche Praxen lehnen bestimmte Tests auch gegen Bezahlung ab. In dem Fall ist ein Facharztwechsel, zum Beispiel zur Gynäkologin mit Hormon-Schwerpunkt oder zur Endokrinologin, oft der direktere Weg.

So führst du das Gespräch

Swati hat beim zweiten Versuch eine andere Ärztin aufgesucht. Diesmal mit einer Liste.

Gut vorbereitet zu kommen macht einen Unterschied. Nicht weil du der Ärztin misstraust, sondern weil ein gezieltes Gespräch zu gezielteren Ergebnissen führt. Konkret hilft es, Beschwerden präzise zu benennen: nicht „ich bin müde", sondern „ich habe seit vier Monaten trotz ausreichend Schlaf anhaltende Erschöpfung und Haarausfall, ich möchte Ferritin und Schilddrüse prüfen lassen."

Wenn ein Wert als normal abgetan wird, du dich aber nicht normal fühlst: Frag nach dem konkreten Zahlenwert und dem Referenzbereich. „Normal" ist eine Aussage über eine Bandbreite. Wo du in dieser Bandbreite liegst, ist eine andere Frage.

Und wenn du mit pauschalen Aussagen wie „das ist halt das Alter" abgespeist wirst: Du hast das Recht auf eine zweite Meinung.

Was das mit Selbstbestimmung zu tun hat

Wechseljahre wurden medizinisch lange unterschätzt. Frauen, die mit Beschwerden in Praxen kamen, wurden zu oft beruhigt statt untersucht. Das ändert sich, aber langsam.

Wer weiß, welche Werte relevant sind und warum, kann das Gespräch anders führen. Nicht konfrontativ, aber klar. Das ist kein Misstrauensvotum gegenüber der Ärztin. Das ist Selbstbestimmung.

Swati hat inzwischen ihre Werte. Ihr Ferritin war bei 18. Ihre Schilddrüse zeigt eine subklinische Unterfunktion. Beides behandelbar. Beides lange übersehen.

Sie sagt, sie wünschte, sie hätte früher gefragt.

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Quellen

¹ El Khoudary SR et al. Menopause transition and cardiovascular disease risk: implications for timing of early prevention. Circulation. 2020;142(25):2459-2468. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.120.049817

² Mauvais-Jarvis F et al. Sex and gender: modifiers of health, disease, and medicine. Lancet. 2020;396(10250):565-582. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)31561-0

³ Thyroid disease and menopause. The Menopause Society (NAMS). https://www.menopause.org/for-women/menopauseflashes/menopause-symptoms-and-treatments/thyroid-disease-and-menopause

⁴ Eastell R et al. Postmenopausal osteoporosis. Nat Rev Dis Primers. 2016;2:16069. https://doi.org/10.1038/nrdp.2016.69

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.

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