ADHS bei Frauen: Wenn die Wechseljahre alles ans Licht bringen

ADHS bei Frauen: Wenn die Wechseljahre alles ans Licht bringen

Lea ist 44, Projektleiterin, Mutter von zwei Kindern. Immer irgendwie beschäftigt, immer irgendwie hinter sich selbst her. Schlüssel verlegt, Termine vergessen, drei Tabs offen, kein einziger abgeschlossen. Das kennt sie seit der Kindheit – aber irgendwie hat sie es immer hingekriegt. Bis jetzt.

Seit ein paar Monaten fühlt sich alles anders an. Das Chaos im Kopf ist lauter geworden. Die Erschöpfung tiefer. Die Gereiztheit näher an der Oberfläche. Ihr Frauenarzt sagt: Perimenopause. Vielleicht Stress. Alles ganz normal für ihr Alter.

Aber Lea wird das Gefühl nicht los, dass da noch etwas anderes ist.

Sie hat recht.


Was ADHS mit Hormonen zu tun hat

ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – gilt bis heute in vielen Köpfen als Jungen-Diagnose. Als das Schulkind, das nicht stillsitzen kann. Doch die Realität sieht anders aus: Schätzungen zufolge sind genauso viele Frauen betroffen wie Männer – sie werden nur viel seltener erkannt.¹

Der Grund liegt tief im Gehirn. ADHS ist keine Frage von Willenskraft oder Disziplin. Es ist eine neurobiologische Besonderheit: Das dopaminerge System – das Belohnungs- und Aufmerksamkeitssystem im Gehirn – funktioniert anders als beim Durchschnitt.² Und genau hier kommt Östrogen ins Spiel.

Östrogen wirkt direkt auf die Dopamin-Aktivität im Gehirn. Es reguliert unter anderem, wie gut Dopamin produziert, transportiert und verwertet wird.³ Wenn der Östrogenspiegel stabil ist – wie in den fruchtbaren Jahren – können viele Frauen mit ADHS ihre Symptome kompensieren. Das Gehirn bekommt, was es braucht.

Wenn Östrogen fällt, ändert sich alles.


Die Perimenopause als Wendepunkt

Die Perimenopause beginnt oft schon Mitte bis Ende 30 – lange bevor die letzte Periode ausbleibt. Der Östrogenspiegel schwankt zunehmend, sinkt insgesamt ab, und mit ihm verändert sich auch das dopaminerge System.⁴

Für Frauen mit ADHS kann das bedeuten: Strategien, die jahrelang funktioniert haben, funktionieren plötzlich nicht mehr. Das Gedächtnis lässt nach. Die Konzentration bricht weg. Die emotionale Regulierung kostet viel mehr Kraft. Und das Schlimmste: Es passiert schleichend, sodass viele Frauen glauben, sie würden einfach "nachlassen".

Gleichzeitig verstärkt die Perimenopause Symptome, die sich stark mit ADHS überschneiden:

  • Konzentrationsprobleme und Brain Fog
  • Schlafstörungen (die ihrerseits die Konzentration verschlechtern)
  • Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen
  • Vergesslichkeit, das Gefühl, "nicht klar denken zu können"
  • Innere Unruhe und Erschöpfung

Das macht die Diagnose extrem schwierig. Alles wird der Menopause zugeschrieben. Die ADHS bleibt unsichtbar.⁵


Warum Frauen so oft erst spät diagnostiziert werden

Mädchen mit ADHS fallen anders auf als Jungen – oder gar nicht.

Während hyperaktive Jungen im Unterricht stören, sind Mädchen häufiger vom unaufmerksamen Typ: träumerisch, vergesslich, innerlich rastlos, aber nach außen hin "brav". Sie lernen früh, sich anzupassen. Sie entwickeln Kompensationsstrategien – Listen schreiben, Routinen aufbauen, sich übermäßig anstrengen, um das zu leisten, was anderen leichter fällt.⁶

Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Filter: Frauen, die viel reden, viel fühlen, viel vergessen, werden seltener als "krank" eingestuft – das wirkt wie Persönlichkeit, wie "die chaotische Kreative", wie Stress.

Das Ergebnis: Das Durchschnittsalter bei der Erstdiagnose von ADHS bei Frauen liegt deutlich höher als bei Männern.⁷ Viele Frauen erhalten ihre erste Diagnose erst in den 40ern oder 50ern – ausgelöst durch den hormonellen Umbruch der Perimenopause.

Das ist spät. Aber es ist nicht zu spät.


Was jetzt helfen kann

Eine späte Diagnose ist kein Scheitern. Sie ist ein Anfang.

Klarheit verschaffen

Der erste Schritt ist Wissen. Wenn Du den Verdacht hast, dass mehr hinter Deinen Symptomen steckt als "nur Menopause", sprich es an. Eine Fachperson – Psychiaterin, Neurologin oder spezialisierte Ärztin – kann eine Einschätzung geben. Eine Diagnose verändert nichts an Dir. Sie erklärt nur, wie Dein Gehirn schon immer funktioniert hat.

Hormonelle Balance im Blick behalten

Für Frauen in der Perimenopause kann eine Hormontherapie (HRT) nicht nur klassische Wechseljahresbeschwerden lindern – sie kann auch die ADHS-Symptome stabilisieren, indem der Östrogenspiegel ausgeglichen wird.⁸ Das bedeutet nicht, dass HRT für alle die richtige Wahl ist. Aber es lohnt sich, diesen Zusammenhang mit einer Ärztin zu besprechen.

Strukturen und Umgebung anpassen

ADHS-Gehirne brauchen externe Struktur, weil die interne Regulierung aufwendiger ist. Das bedeutet: Routinen schaffen, To-Do-Listen nutzen, Aufgaben in kleine Schritte teilen, ablenkungsarme Arbeitsbedingungen schaffen. Nicht weil Du disziplinierter sein musst – sondern weil Du Deinem Gehirn damit das gibst, was es braucht.

Schlaf ernst nehmen

Schlafmangel verstärkt ADHS-Symptome erheblich. Und in der Perimenopause ist Schlaf oft schon ohne ADHS eine Herausforderung. Wer gut schläft, hat mehr Dopamin zur Verfügung – und mehr Kapazität für alles andere. Schlafhygiene, Stressreduktion und ggf. hormonelle Unterstützung können hier echte Unterschiede machen.

Medikation besprechen

Bei klinisch relevantem ADHS kann eine medikamentöse Therapie – in der Regel Stimulanzien wie Methylphenidat oder Lisdexamfetamin – die Lebensqualität deutlich verbessern.⁹ Das ist keine Schwäche. Das ist Medizin. Eine Psychiaterin kann einschätzen, ob und was für Dich passt.

Dich selbst besser kennenlernen

Viele Frauen mit ADHS haben jahrzehntelang geglaubt, sie seien einfach "zu wenig" – zu vergesslich, zu chaotisch, zu überfordert. Die Diagnose kann ein Befreiungsmoment sein: Du bist nicht kaputt. Du funktionierst anders. Und mit dem richtigen Wissen kannst Du lernen, mit Dir zu arbeiten statt gegen Dich.


Du bist nicht allein

Leas Geschichte ist keine Ausnahme. Zehntausende Frauen in Deutschland leben mit einem ADHS, das nie erkannt wurde. Viele merken es erst, wenn der hormonelle Teppich unter ihnen weggezogen wird.

Wenn Du Dich in diesem Artikel wiedererkennst – dann ist das kein Zufall. Und es ist ein Anfang.

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Quellen

¹ Nussbaum NL. ADHD and Female Specific Concerns: A Review of the Literature and Clinical Implications. Journal of Attention Disorders. 2012;16(2):87–100. https://doi.org/10.1177/1087054711416377

² Faraone SV, et al. The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2021;128:789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022

³ Barth C, et al. Sex hormones affect neurotransmitters and shape the adult female brain during hormonal transition periods. Frontiers in Neuroscience. 2015;9:37. https://doi.org/10.3389/fnins.2015.00037

⁴ Epperson CN, et al. Gonadal steroids in the treatment of mood and psychotic disorders. Psychoneuroendocrinology. 2011;36(8):1238–1248. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2011.04.006

⁵ Nappi RE, et al. Brain fog and menopause: what is the evidence? Climacteric. 2022;25(1):10–16. https://doi.org/10.1080/13697137.2021.1980018

⁶ Quinn PO, Madhoo M. A Review of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Women and Girls: Uncovering This Hidden Diagnosis. The Primary Care Companion for CNS Disorders. 2014;16(3). https://doi.org/10.4088/PCC.13r01596

⁷ Williamson D, Johnston C. Gender differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A narrative review. Clinical Psychology Review. 2015;40:15–27. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2015.05.005

⁸ Epperson CN, Pittman B, Czarkowski KA, et al. Impact of perimenopausal stage and endogenous hormone levels on working memory. Human Reproduction. 2016;31(12):2797–2806. https://doi.org/10.1093/humrep/dew252

⁹ National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management. NICE guideline NG87. Updated 2019. https://www.nice.org.uk/guidance/ng87

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