Warum Frauen bei Prävention unsichtbar sind

Warum Frauen bei Prävention unsichtbar sind

Über fehlende Anreize und was sich in der Gesundheitspolitik ändern muss

Eva Carle sitzt mit Susanne Feldt, Gründerin und CEO von hermaid, in einem hellen Büroraum. Es ist Mitte Juni, zwei Wochen nach einem Event in Brüssel zu den anstehenden Gesundheitsreformen. Das Thema liegt in der Luft. Susanne hat gerade eine Analyse durchgesehen, die zeigt: Deutschland gibt mehr Geld für Gesundheit aus als jedes andere Land der EU. Und landet trotzdem bei Prävention auf den letzten Plätzen.

„Das verstehe ich nicht," sagt Susanne, bevor Eva überhaupt die erste Frage stellen kann. „Wir haben die Budgets. Wir haben die Experten. Aber die Menschen, die sie am meisten brauchen, sind nicht erreichbar."


Über Susanne Feldt

Susanne Feldt ist Gründerin und CPO von hermaid. Sie hat über 10 Jahre Erfahrung im digitalen Gesundheitsbereich. Ihr Fokus ist Frauengesundheit, Prävention und digitale Gesundheitskompetenz. hermaid ist eine CE zertifizierte digitale Gesundheitsanwendung für Frauen in Perimenopause, Menopause und Postmenopause.


Das Paradoxon

Eva: Du sprichst von einem Paradoxon. Deutschland gibt 5.317 Euro pro Kopf für Gesundheit aus — 50 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Aber nur zwei Prozent der Deutschen erfüllen alle Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil. Wie erklärst du dir das?

Susanne: Es ist nicht primär ein Geld-Problem. Es ist ein Design-Problem.

Ich merke das jeden Tag mit hermaid. Wir sprechen mit Frauen zwischen 40 und 60, und die sagen mir immer wieder dasselbe: „Niemand hat mir gesagt, dass mein Körper sich jetzt so verändert. Niemand hat mir geholfen, das zu verstehen." Die Krankenkassen investieren Hunderte Millionen in Prävention. Aber sie adressieren diese Frauen nicht. Nicht zielgruppengerecht, nicht lebensphasengerecht, nicht mit dem, was sie wirklich brauchen.

Und dann kommt die Kaiserin Dazu: Diese Frauen sind oft in einer Lebensphase, in der sie beruflich alles geben, Kinder oder Eltern versorgen, und gleichzeitig funktioniert ihr eigener Körper nicht mehr wie vorher. Mental Load bis zum Anschlag. Und das Präventionssystem sagt: Mach Rückenschule und nimm einen Apfel aus dem Obstkorb.

Eva: Du meinst damit auch das betriebliche Gesundheitsmanagement?

Susanne: Genau. BGM ist entstaubt. Es ist in den 90ern stehengeblieben. Rückenschule, Obstkorb, vielleicht ein Yogakurs. Aber eine Frau in der Lebensmitte braucht Informationen zu Hormonen, zu Schlaf, zu Energiemanagement. Sie braucht zu verstehen, warum sie auf einmal morgens aufwacht und nicht wieder einschlafen kann. Warum ihre Gelenke schmerzen. Warum sie sich erschöpft fühlt, obwohl sie acht Stunden geschlafen hat.

Das ist keine Nische. Das sind die Gesundheitsfragen von Millionen Frauen. Aber im BGM? Fehlanzeige.


Die blinde Stelle im System

Eva: Wenn ich dich richtig verstehe, sagen Krankenkassen und Arbeitgeber: „Wir bieten Prävention an." Und die Frauen sagen: „Ja, aber nicht für mich"?

Susanne: Genau das. Der GKV-Spitzenverband meldet, dass die Krankenkassen 2024 insgesamt 686 Millionen Euro in Prävention investiert haben — mehr als je zuvor. Gleichzeitig sind die Betriebe und Beschäftigten, die diese Angebote tatsächlich nutzen, im selben Jahr gesunken.

Das bedeutet nicht, dass die Menschen nicht prävention wollen. Es bedeutet, dass die Angebote nicht zu ihnen passen.

Frauen in den Wechseljahren sind dabei besonders unsichtbar. In der medizinischen Literatur, in der BGM-Planung, in der öffentlichen Gesundheitsdebatte. Es gibt Präventionsprogramme für Übergewicht, für Rauchen, für Bewegung. Aber die hormonelle Realität von Millionen Frauen? Das ist kein Thema.

Dabei ist es fundamental. Östrogen spielt eine Rolle bei Knochendichte, bei Herz-Kreislauf-Gesundheit, bei Schlafqualität, bei psychischem Wohlbefinden. Wenn es sinkt, ändert sich der ganze Körper. Aber das Präventionssystem sieht das nicht.

Eva: Das klingt, als müsste das System komplett neu denken.

Susanne: Es müsste aufhören, alle Menschen über einen Kamm zu scheren. Ein 25-jähriger Berufseinsteiger und eine 48-jährige Frau mit drei Kindern, Karrieredruck und hormonellen Veränderungen haben völlig unterschiedliche Gesundheitsbedarfe. Aber die Prävention ist immer noch one-fits-all.


Eigenverantwortung: Ein kontrovers diskutiertes Wort

Eva: Du hast in deinen Notizen geschrieben: „Eigenverantwortung ist zumutbar." Das ist ein großes Wort. Angesichts der Anforderungen, die Frauen heute haben — Job, Familie, Care-Arbeit — kann man ihnen das wirklich zumuten?

Susanne: Das ist eine gute Frage, und ich antworte bewusst differenziert.

Ja, Eigenverantwortung ist zumutbar — aber nur, wenn die Voraussetzungen stimmen. Wenn ich verstehe, was mein Körper gerade durchmacht. Wenn ich weiß, welche einfachen Dinge mir helfen. Wenn die Anreize richtig gesetzt sind.

Bewegung kostet nichts. Gesundes Essen ist nicht kompliziert und auch nicht teuer. Auf einen Liter Wein am Abend zu verzichten, kostet nichts. Aber wenn der deutsche Discounter einen 1,5-Liter-Tetrapack Wein für unter zwei Euro verkauft, ist das Signal: Alkohol ist billig und normal. Das ist der falsche Anreiz.

England und Finnland zeigen, was mit Preispolitik möglich ist. Aber wir setzen die Anreize nicht richtig. Wir sagen: „Du bist selbst verantwortlich" — und dann machen wir alles Ungesunde billig und einfach zugänglich.

Eva: Also: Eigenverantwortung ja, aber die Gesellschaft muss die richtigen Voraussetzungen schaffen?

Susanne: Genau. Und die erste Voraussetzung ist Wissen. Die zweite ist: Dass Angebote mich erreichen und zu meinem Leben passen.

Das ist übrigens auch, warum hermaid einen anderen Weg gehen musste. Das klassische Gesundheitssystem hat uns Frauen nicht erreicht. Also haben wir das selbst gebaut.


hermaid als Antwort auf ein Systemversagen

Eva: Wie kam die Gründungsidee?

Susanne: Ich bin selbst durch die Wechseljahre gegangen — oder gehe immer noch durch sie. Und ich habe gemerkt: Das medizinische System bietet mir wenig Hilfe. Mein Frauenarzt hat mir eine Routine-Untersuchung gemacht und dann nichts mehr. Es gibt kein Beratungssystem, das auf die Komplexität dieser Lebensphase vorbereitet ist.

Gleichzeitig habe ich in meiner Karriere im digitalen Gesundheitsbereich gesehen, dass die Technologie viel besser machen könnte. Personalisiert, zeitpunktgerecht, auf dem Weg, den die Frauen gehen — nicht in einer Arztpraxis, wo sie sowieso schon keinen Termin bekommen.

hermaid ist die Antwort auf diese Lücke.

Eva: Aber das ist ja im Kern eine Kritik am System. Warum musste es eine App brauchen, um diesen Frauen zu helfen?

Susanne: Weil das System nicht liefert. Die Krankenkassen zahlen für Rückenschule und Raucherentwöhnung. Aber nicht für die Beratung, die eine Frau braucht, wenn ihre Hormonstoffwechsel sich fundamental verändert.

Das ist nicht böse gemeint. Aber es ist ein Systemversagen. Und anstatt zu warten, bis sich das System ändert — was dauert — haben wir eine Lösung gebaut, die jetzt hilft.

Aber idealerweise sollten diese Inhalte im Präventionssystem verankert sein. Im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Bei den Gynäkologen. In den Schulen, wo Mädchen über Menstruation reden sollten, um schon früh ein Bewusstsein zu entwickeln.


Die neue Realität in der Gesundheitspolitik

Eva: Es gibt gerade politische Bewegung. Bundestag, Anhörungen im Gesundheitsausschuss. Die Krankenkassen müssen sparen. Gleichzeitig sollen Menschen mehr Eigenverantwortung übernehmen. Was ist deine Erwartungshaltung?

Susanne: Ich bin realistisch. Ich denke nicht, dass die neue Politik plötzlich Prävention für Frauen in den Wechseljahren zur Priorität macht. Das ist nicht sexy, nicht politisch prominent.

Aber ich glaube, dass die neue Gesundheitspolitik eine Chance hat. Die Debatte über Eigenverantwortung ist richtig. Aber sie darf nicht bedeuten: „Sparmaßnahmen bei den Krankenkassen, und dann sollen die Menschen selbst schauen." Das ist ungerecht.

Eigenverantwortung muss flankiert werden von: klarer Gesundheitskompetenz, von richtigen Anreizen, von präventiven Angeboten, die wirklich zielgruppengerecht sind.

Wenn die neue Politik das versteht, kann sie gut sein.

Eva: Und wenn nicht?

Susanne: Dann wird sich wenig ändern. Die Krankenkassen sparen, hermaid wird noch wichtiger, und Millionen Frauen werden weiterhin im Dunkeln tappen. Das ist nicht akzeptabel.


Was sich konkret ändern müsste

Eva: Wenn du heute den Gesundheitsminister beraten könntest — was würdest du sagen?

Susanne: Drei Dinge:

Erstens: Macht Prävention lebensphasengerecht. Das bedeutet: Fragt die Menschen, was sie brauchen. Nicht, was ihr denkt, dass sie brauchen. Frauen zwischen 40 und 60 sind eine sehr konkrete Gruppe mit sehr konkreten Fragen. Adressiert sie.

Zweitens: Entstaubt das BGM. Macht es attraktiv. Macht es relevant. Eine Frau, der es in den Wechseljahren unruhig und müde ist, interessiert sich nicht für einen Rückenschulkurs. Sie interessiert sich für Informationen, die ihre Situation verbessern. Das BGM muss das verstehen.

Und drittens: Setzt die Anreize richtig. Wenn wir sagen, Menschen sind selbst verantwortlich — dann müssen wir auch dafür sorgen, dass das Gesunde die einfachere, zugänglichere Option ist. Das ist es im Moment nicht.

Eva: Das klingt nach struktureller Reform.

Susanne: Es ist strukturelle Reform. Und ja, das dauert. Aber der Moment ist jetzt. Die Krise in den Krankenkassen, die politische Bewegung, die Debatte über Eigenverantwortung — das ist ein Fenster. Und ich hoffe, dass dieses Fenster genutzt wird, um das System wirklich zu überdenken.


Persönliche Ebene: Gründerin sein in einer Krise

Eva: Wechsel zu einer persönlicheren Frage. Du selbst bist in dieser Phase. Wechseljahre, Gründerin, all die Verantwortung. Wie machst du das?

Susanne: Ehrlich? Mit hermaid. Mit den Tools, die wir bauen. Mit dem Wissen, das wir vermitteln.

Ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe Schlafprobleme. Ich habe Phasen, in denen ich völlig erschöpft bin. Und ich habe gemerkt: Wenn ich verstehe, was in meinem Körper passiert, kann ich damit umgehen. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann um Hilfe bitten. Ich kann selbst aktiv werden.

Das ist übrigens auch, warum ich so leidenschaftlich von Eigenverantwortung spreche. Es geht nicht darum, Frauen alleinzulassen. Es geht darum, ihnen die Werkzeuge zu geben, ihre eigene Gesundheit in die Hand zu nehmen.

Und ja, die Mental Load ist real. Der Druck ist real. Aber wenn ich das verstehe, kann ich auch bewusste Entscheidungen treffen. Ich kann nein sagen. Ich kann mich Pausen gönnen. Ich kann mir Hilfe holen.

Das ist das, was ich mit hermaid vermittle. Nicht: „Du bist allein. Reiß dich zusammen." Sondern: „Du bist nicht allein. Du bist gerade in einer großen Veränderung. Das ist normal. Und hier sind die Tools, um damit umzugehen."

Eva: Und die anderen Gründerinnen? Wie ist es, eine Frau in dieser Phase zu sein und gleichzeitig ein Unternehmen zu führen?

Susanne: Es ist wild. Es ist manchmal unfair. Männergründer in meinem Alter haben nicht die hormonellen Veränderungen, die ich habe. Sie haben weniger Care-Arbeit. Sie werden weniger mit ihrer Körperlichkeit konfrontiert.

Aber ich habe auch gemerkt: Es ist auch ein Privileg. Ich verstehe meine Zielgruppe, weil ich sie bin. Ich kenne ihre Kämpfe nicht nur akademisch, sondern wirklich. Das macht hermaid besser.

Und ja, ich bin müde manchmal. Aber ich bin auch motiviert wie lange nicht. Weil ich weiß, dass das, was wir bauen, Millionen Frauen hilft.


Ein Ausblick

Eva: Wo soll hermaid in drei Jahren stehen?

Susanne: In drei Jahren sollte hermaid nicht mehr die einzige Anlaufstelle für diese Frauen sein. Idealerweise sollten die klassischen Systeme — Krankenkassen, BGM, Ärzte — das aufgegriffen haben.

Aber realistisch: Ich glaube, hermaid wird dann noch relevanter sein. Weil sich das System ändert, aber langsam.

Was ich hoffe: Dass hermaid auch ein Symbol wird. Ein Symbol dafür, dass Frauen sichtbar sein können. Dass ihre Gesundheitsfragen nicht marginal sind. Dass Prävention intelligent sein kann, digital sein kann, und trotzdem warm und menschlich.

Und dass die Frauen, die hermaid nutzen, nicht nur ihre Gesundheit verbessern, sondern auch verstehen: Ich bin nicht allein. Mein Körper ist nicht kaputt. Ich bin in einer normalen, großen Veränderung. Und ich kann sie aktiv gestalten.

Eva: Das ist ein großes Ziel.

Susanne: Ja. Aber notwendig.


Zum Abschluss

Die Unterhaltung endet, aber Susanne hat noch eine letzte Bemerkung.

„Eines möchte ich noch sagen: Für alle Frauen, die das lesen. Ihr seid nicht allein. Das Präventionssystem hat euch übersehen — das ist nicht eure Schuld. Aber jetzt seid ihr dran. Jetzt könnt ihr aktiv werden. Das ist kein Druck-Statement. Es ist ein Empowerment-Statement. Weil Prävention beginnt mit Verständnis. Und Verständnis beginnt damit, sich selbst zuzuhören."


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