
Tabu Menopause: Warum das Schweigen uns schadet
Stell dir vor, eine Erkrankung betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung. Jede zweite Person, die du kennst. Und trotzdem redet kaum jemand darüber. Kein Bewusstsein, kaum Forschung, wenig Ausbildung. Dann wärst du wahrscheinlich empört.
Willkommen in der Welt der Wechseljahre.
Die Zahl, die wach machen sollte
9 Millionen Frauen in Deutschland waren 2023 zwischen 40 und 55 Jahre alt. Mitten im Berufsleben. Mitten in der Familie. Mitten in allem. Etwa zwei Drittel von ihnen haben Beschwerden, die ihren Alltag einschränken.¹
Zwei Drittel.
Und trotzdem ist das Thema in Arztpraxen, Büros und Küchentischen gleichermaßen selten. Viele Frauen erkennen nicht einmal, was mit ihnen passiert. Weil niemand es ihnen erklärt hat. Weil das öffentliche Bewusstsein fehlt. Weil Wechseljahre lange als etwas galten, das man eben aushält.
Es fängt nicht mit Hitzewallungen an
Das ist eine der hartnäckigsten Fehlannahmen. Die ersten Zeichen der Perimenopause sind oft keine körperlichen. Sie sind neuropsychologisch. Schlaf, der plötzlich nicht mehr funktioniert. Konzentration, die sich verflüchtigt. Stimmung, die sich anfühlt wie Wetter ohne Vorwarnung.¹
Viele Frauen schieben das auf Stress. Auf den Job. Auf die Kinder. Auf alles außer dem, was es tatsächlich ist. Und weil sie es nicht einordnen können, suchen sie auch keine Hilfe für das Richtige.
Dahinter steckt ein hormoneller Prozess, der sich über Jahre zieht. Die Eierstöcke arbeiten zunehmend unregelmäßig, Östrogen und Progesteron schwanken, bevor sie dauerhaft sinken. Das verursacht das Durcheinander. Und das endet im Schnitt erst mit etwa 51 Jahren, wenn die Menopause erreicht ist.¹
Ein Drittel kommt kaum noch zurecht
Etwa ein Drittel der Frauen hat kaum Beschwerden. Ein weiteres Drittel spürt die Wechseljahre deutlich. Und rund zehn Prozent können beruflich nicht mehr so funktionieren wie vorher.¹
Zehn Prozent. Das sind Frauen auf dem Höhepunkt ihrer Erfahrung, ihrer Kompetenz, ihres Lebens, die ohne Unterstützung und ohne Erklärung aus dem Erwerbsleben herausfallen. Nicht weil sie nicht könnten. Sondern weil niemand rechtzeitig hingeschaut hat.
Das Problem sitzt auch in der Ausbildung
Es wäre einfach, nur die Gesellschaft zu beschuldigen. Aber das Problem hat eine sehr konkrete Adresse: die medizinische Ausbildung. Wechseljahre kommen dort nach wie vor zu kurz.¹ Wer als Ärztin oder Arzt wenig gelernt hat, kann wenig erklären. Und wer nichts erklärt bekommt, kämpft allein weiter.
Das ändert sich langsam. Es gibt mehr Fortbildungen, mehr Aufklärungskampagnen, mehr Stimmen, die das Thema aus der Ecke holen. Aber langsam reicht noch nicht.
Hormontherapie: Kein Schreckensszenario
Die Hormonersatztherapie hat seit der WHI-Studie von 2002 einen schwierigen Ruf.² Die Studie beschrieb bestimmte Risiken, wurde breit rezipiert, und hat bei vielen Frauen und Ärzten eine Skepsis hinterlassen, die bis heute sitzt.
Was seitdem passiert ist: Die Wissenschaft hat nachgearbeitet. Neuere Daten zeigen ein deutlich differenzierteres Bild. Welche Hormone, welche Dosierung, welcher Zeitpunkt, welcher Applikationsweg, das alles macht einen erheblichen Unterschied. HRT ist keine Entscheidung für alle. Aber sie ist für viele eine echte Option, wenn jemand ernsthaft mit ihnen sucht.
Was sich ändern muss
Mehr Wissen. Bei Ärztinnen. Bei Arbeitgebern. Und bei Frauen selbst. Nicht weil sie sich das alles selbst beibringen sollen, sondern weil Wissen der einzige Weg ist, aus dem Reaktionsmodus herauszukommen.
Die Wechseljahre sind keine Krankheit. Aber sie sind auch keine Phase, die man einfach aussitzen muss, weil das schon immer so war.
Zwischen nichts tun und alles schlucken gibt es einen Raum. In dem stehen die besten Entscheidungen. Und du musst ihn nicht allein finden.
Bei hermaid findest du evidenzbasierte Informationen und Expertinnen, die das Thema ernst nehmen.
Quellen
¹ Deutsche Menopause Gesellschaft. Tabu Menopause: Interview mit Dr. Katrin Schaudig. National Geographic Deutschland, 22.01.2024. https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2024/01/tabu-menopause-kaemen-maenner-in-die-wechseljahre-waeren-wir-weiter
² Rossouw JE et al. Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women: principal results from the Women's Health Initiative randomized controlled trial. JAMA. 2002;288(3):321-333. https://doi.org/10.1001/jama.288.3.321
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Fragen zu deiner Gesundheit wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt deines Vertrauens.









